Sepp Brudermann ist jemand, den nichts so leicht aus der Ruhe bringt. Wenn der Absolvent der Akademie der bildenden Künste in Wien etwas beginnt, zieht er es durch. Seit knapp vier Jahren arbeitet der Filmemacher bereits an seiner Dokumentation „The Last Year of Congo Mirador“ über ein kleines, verwahrlostes Dorf in Venezuela.

Congo Mirador, gebaut auf Stelzen, befindet sich inmitten des Maracaibosees – und damit inmitten des größten Ölfördergebietes Lateinamerikas. Und hierum drehen sich alle Probleme, die der Dokumentarfilm aufzeigen will. Durch die erfolgreiche „wemakeit“-Kampagne im Zuge des Bank Austria Kunstpreises konnte sich das Projekt 15.080 Euro sichern. 5.000 Euro davon kommen von der Bank Austria.

Benötigt wird das Geld vor allem für die Finanzierung eines stärkeren Computers für den Rohschnitt der Doku. „Mit internationaler finanzieller Unterstützung z. B. des Tribeca Film Institute in New York, des Catapult Film Fund in San Francisco oder des IDFA Bertha Fund haben wir die Dreharbeiten so gut wie abschließen können, und mit Hilfe einer erfolgreichen Crowdfunding-Campaign und der Unterstützung des Bank Austria Kunstpreises bei wemakeit haben wir nun die Phase der Postproduktion beginnen können“, sagt Brudermann.

Mit Mördern unter einem Dach – für die eigene Sicherheit.

Dabei gingen die Arbeiten an dem Film nicht immer leicht von der Hand. Viele Hürden waren zu überwinden, ehe man das notwendige Material im Kasten hatte. Die größte Herausforderung an dem Projekt waren vor allem die Dreharbeiten vor Ort, wie Brudermann schildert: „Das Organisieren von Nahrungsmitteln, der Umgang mit tagtäglicher Korruption und vor allem natürlich die Sicherheit der Crew. Gegen Ende der Dreharbeiten ist eine Gruppe Jugendlicher ins Dorf gekommen, um ihre ,Dienste‘ anzubieten – also Sicherheit gegen Bezahlung. Ihr Anführer, genannt ,Furia‘ (Zorn), der einen kleinen Affen auf der Schulter sitzen hatte, hat eigenhändig bereits 58 Menschen ermordet, alle mit Macheten zerstückelt. Man kann solchen Menschen nichts abschlagen, man muss mit ihnen umgehen lernen, und das sehr schnell. Die Crew hat mehrere Nächte mit ihnen in einem Haus verbracht. Das sind heikle Momente, bei denen man Sorgen hat, diese jedoch auf gar keinen Fall zeigen darf.“

Doch warum begibt man sich in solch gefährliche Situationen? Brudermann will die Ungerechtigkeit in Venezuela aufzeigen: „Leider sind die Politik und Teile der Gesellschaft in Venezuela von Korruption zersetzt. Eine fatale Kombination: ein Erdöl produzierendes Land, das allen Luxus und Wohlstand der Welt haben könnte, und ein sich selbst als sozialistisch bezeichnendes Regime, das den Menschen immer nur ihre vermeintlichen Rechte vorpredigt, niemals aber von Pflichten spricht. Wie ist es möglich, dass die Bürgermeisterin des kleinen Fischerdorfs, in dem wir eine Zeit lang gelebt haben, mit einem Hummer-ähnlichen SUV durch die Straßen fährt, während die Kinder unserer Nachbarn keine ordentlichen Schuhe haben?“

Drei Jahre haben er und seine Ex-Frau Anabel Rodriguez – die übrigens auch die Regisseurin des Dokumentarfilms ist – in Venezuela gelebt, ehe sie Hals über Kopf das Land verlassen mussten. „In Venezuela wurde ich mit Gewalt konfrontiert die uns im Endeffekt dazu gezwungen hat quasi über Nacht zu evakuieren und Venezuela Richtung Österreich zu verlassen, wo wir auch heute noch leben“, erzählt Brudermann. Das Produkt der Beobachtungen dokumentierten sie bereits im Jahr 2012 mit dem Film „The Barrel“. „Der Film war sehr erfolgreich, eröffnete an den wichtigsten Dokumentarfilmfestivals der Welt wie IDFA und Hotdocs, tourte danach durch den Festivalcircus und gewann zehn Awards. Wir wussten aber schon damals, dass es dort eine viel größere, komplexere Geschichte zu erzählen gibt, und wir wollten viel tiefer in den Mikrokosmos dieses Dorfes eintauchen“, erzählt Brudermann. Das schließlich führte zu „The Last Year of Congo Mirador“. Gemeinsam mit seiner Ex-Frau und Mutter des gemeinsamen 7-jährigen Sohnes, begleitete er einige Bewohner des Dorfs drei Jahre lang, „um in einer künstlerischen Langzeitstudie den Verfall, die Korruption, die Verschmutzung und die Ungerechtigkeit im Dorf beobachten zu können, aber auch die Kraft, Freude und die Widerstandsfähigkeit der Bewohner, die zwar im wahrsten Sinne des Wortes im Öl schwimmen, gleichzeitig aber in keiner Weise von dem unfassbaren Reichtum unter ihren Füßen profitieren“, sagt Brudermann und ergänzt: „Dies ist nicht nur ein Projekt, es ist das Projekt unserer Herzen.“

Der Film wird voraussichtlich im Sommer/Herbst 2018 fertiggestellt. Brudermanns Hoffnung: „Nach dem üblichen Jahr an Festivalscreenings hoffen wir auf einen weltweiten Kinovertrieb (in Venezuela wurde uns dieser zugesichert) sowie den Verkauf an Fernsehstationen. Auch hier wurde Interesse von wichtigen Broadcastern aus Großbritannien und den USA bekundet.“

Brudermann über das Dorf Congo Mirador: :
Das Dorf, das auf Stelzen inmitten des Maracaibosees gebaut ist, ist umringt von unzähligen Ölbohrtürmen, und jeden Tag wird Rohöl im Wert von Hunderten Millionen Dollar unter den Füßen der Menschen richtiggehend weggesaugt. Sie bekommen nichts davon, das Dorf ist vergessen und versinkt in stinkendem, öligem Schlamm. Die einzige Verbindung zur Industrie sind die weggeworfenen Ölfässer, in welche die Kinder des Dorfes Löcher schneiden, um sie als kleine Boote zu verwenden.