KI und die Zinsen
Betrachtet man die Wirtschaftsnachrichten, so ist neben dem Energiepreisschock durch den Krieg im Iran und den Herausforderungen durch Chinas Exportsteigerungen das Thema Künstliche Intelligenz allgegenwärtig.
Es ist klar, dass diese Technologie in den nächsten Jahren massive Auswirkungen auf die Wirtschaft haben wird. Aber auch heute sind schon Effekte erkennbar. Am stärksten messbar ist derzeit wohl der Ausschlag an den Börsen. Die Erwartung zukünftiger Erträge dank der neuen Technologie hat vor allem die Bewertungen von US-Technologieunternehmen nach oben getrieben. Seit Ende 2024 stieg der US-Aktienmarkt um 27 Prozent an. 19 Prozentpunkte davon sind nur Unternehmen der Tech-Branche zuzurechnen. Und Investitionen in Künstliche Intelligenz waren für die Hälfte des US-amerikanischen Wirtschaftswachstums seit 2024 verantwortlich. Die andere Hälfte kam vom Konsum, der wiederum im Wesentlichen durch Vermögensgewinne der Aktienbesitzer befeuert wurde, nicht durch Reallohnsteigerungen. Besonders zu Jahresbeginn 2026 waren die Investitionen in KI fast ausschließlich für das Wachstum der USA verantwortlich.
Das dadurch ausgelöste Wachstum erhöht tendenziell auch die Realzinsen, speziell in den USA. Aber auch Inflation wird dadurch angeregt. KI kostet Geld, seien es die Investitionen in Datenzentren und Infrastruktur, seien es die laufenden Kosten des Betriebs, vor allem Energie. Und all dies hat seinen Preis, wie die Inflation in den USA in den ersten Monaten 2026 gezeigt hat.
Die Verbraucherpreise ohne Energiekosten lagen in den letzten sechs Monaten in den USA 4,1 Prozent über den sechs Monaten davor. Davon waren allein 0,7 Prozentpunkte auf Preisanstiege bei Software und Computerzubehör zurückzuführen. Kurzfristig wirkt der „KI-Boom“ also inflationär, speziell in den USA, was sich am Ende auch in höheren Zinsen bemerkbar machen wird.
Die entscheidende Frage ist, welche Wirkung KI langfristig auf Zinsen und Inflation haben wird. Eine klare Antwort darauf ist schwieriger als bei den kurzfristigen Effekten. Höhere Produktivität dank KI würde jedenfalls die Realzinsen erhöhen - wie Anfang dieses Jahrtausends, als die IT-Revolution die Arbeitsproduktivität in den USA von 1,5 Prozent in den 1990er Jahren auf rund 2,5 Prozent steigerte.
Eine höhere Produktivität erhöht den Gleichgewichtszinssatz der Wirtschaft, d.h. jenen Zinssatz, bei dem Inflation und Arbeitsmarkt im Gleichgewicht sind. Sollten die Produktivitätsgewinne jedoch nicht gleichmäßig zwischen Kapital und Arbeit verteilt werden, könnte das dadurch ausgelöste höhere Sparen der Haushalte - Haushalte mit höheren Kapitaleinkommen sparen mehr - den Gleichgewichtszinssatz wieder senken. Auch könnte höhere Produktivität Arbeitsplätze kosten, was das sogenannte Angstsparen erhöht und damit wieder die Gleichgewichtszinsen senkt. Ob KI die Zinsen langfristig erhöht oder senkt, hängt also stark davon ab, wie die Erträge aus der Produktivitätssteigerung gesellschaftlich verteilt werden. Die endgültige Antwort darauf kennen wir noch nicht, und sie hängt auch von politischen Entscheidungen ab. Allerdings dürfte die Frage nach dem Zinseffekt von KI nicht die schwierigste gesellschaftliche Herausforderung der Künstlichen Intelligenz sein.
Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria
Stand: 01. Juli 2026.
Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

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