Droht eine erneute Energiekrise?
Die de-facto Sperre der Straße von Hormus im Gefolge des Krieges im Iran zeigt wieder, so wie 2022, wie verwundbar die Energieversorgung der Welt, allen voran Europas, ist. Der Persische Golf ist mit einer Produktion von rund 32 Millionen Fässern Öl täglich für fast ein Drittel der globalen Produktion verantwortlich. Weltweit werden drei Viertel des produzierten Öls mit Schiffen zu den Verbrauchern gebracht, ein Viertel der Öltransporte auf See geht durch die Straße von Hormus, die derzeit faktisch geschlossen ist. Somit sind fast 20 Prozent des globalen Ölangebots von der Sperre betroffen. Auch produziert die Golfregion ein Fünftel des globalen Flüssiggasangebots, das ebenfalls durch die Meerenge transportiert werden muss und deckt damit ein Viertel des Bedarfs von Asien. Dementsprechend stiegen die Preise für Energie deutlich an, der Ölpreis um 60 Prozent, der europäische Gaspreis um 70 Prozent.
Kommt es damit erneut zu einem Anstieg der Inflation auf 8 bis 9 Prozent wie 2022? Die Antwort darauf lautet ziemlich sicher Nein. 2022 war aufgrund der zwei Jahre davor ausgebrochenen Pandemie und der enormen Abhängigkeit Europas von einem Gaslieferanten eine andere Situation. Auch musste damals damit gerechnet werden, dass die Gasversorgung aus Russland dauerhaft ausfällt. Wie hoch der Anstieg der Inflation 2026 konkret ausfallen wird, lässt sich derzeit kaum sagen, da es neben anderen Faktoren wie alternativen Energiequellen und Gegenmaßnahmen von Regierungen vor allem von der Dauer des Konflikts, bzw. der Sperre der Straße von Hormus abhängig ist.
Trotz eines von uns erwarteten Rückgangs des Ölpreises in den nächsten Monaten wird er im Durchschnitt heuer rund 90 US-Dollar betragen. Mit 90 US-Dollar pro Fass ist unsere Erwartung für den Ölpreis 2026 um 40 Prozent höher als noch vor einem Monat angenommen. Der Gaspreis dürfte in Europa gar über 50 Prozent höher liegen als bisher angenommen. Damit rechnen wir für Österreich und den Euroraum mit einer um rund ein Prozent höheren Inflation 2026, konkret mit 3,0 Prozent für Österreich, statt bisher 1,9 Prozent. Das Wirtschaftswachstum sollte nur leicht betroffen sein, 0,8 Prozent statt bisher 1,0 Prozent. Dies dürfte auch die EZB auf den Plan rufen, wir rechnen im Juni mit einer ersten Zinserhöhung, im Herbst dann mit einer zweiten Erhöhung.
Sollten der Öl- und der Gaspreis bis Jahresende deutlich höher liegen, im Durchschnitt bei rund 120 USD bei Öl bzw 80 Euro bei Gas, dann kämen wir wohl auf eine Inflation von knapp unter 4 Prozent in Österreich heuer und über 3 Prozent noch nächstes Jahr. Dann würde Österreichs Wirtschaft 2026 mit 0,4 Prozent sogar weniger wachsen als 2025 (0,6 Prozent). Steigt der Ölpreis gar real so stark an wie 1979, auf etwa 150 US-Dollar und bleibt so hoch, dann könnte die Inflation in Österreich – ohne Gegenmaßnahmen der Regierung – wohl wieder die 5 Prozent überschreiten, dann käme es wohl auch zu mehr Zinserhöhung durch die EZB.
Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria
Stand: 30. März 2026.
Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

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