Zu frühes "Feuer aus"?

Die Wirtschaftsnachrichten der letzten Wochen zeigen scheinbar ein klares Bild. Zum einen werden starke Wachstumskennzahlen veröffentlicht, etwa das überraschend starke Wachstum der österreichischen Wirtschaft im 3. Quartal mit fast 3 ½ Prozent zum Vorquartal, das bereits 4 Prozent über dem ersten Quartal lag. Damit hat das Bruttoinlandsprodukt in Österreich über den Sommer das Niveau von 2019 erreicht. Begleitet wird dies von der Meldung, dass das Niveau der Arbeitslosigkeit in Österreich bereits wieder auf Vorkrisenniveau gesunken ist, die Beschäftigung sich sogar in Richtung Rekordstand bewegt.

Zum anderen vermeldet die Statistik Austria mit über 3 ½ Prozent die höchste Inflationsrate seit zehn Jahren und in Deutschland, wo zusätzlich die aufgehobene Mehrwertsteuersenkung des vergangenen Jahres den Jahresvergleich nach oben zog, wurde sogar eine Inflationsrate von über 5 Prozent gemessen. Rohstoff- und Transportkosten haben sich im Vergleich zu 2019 verdoppelt, im Jahresvergleich zu 2020 teilweise vervielfacht.

Zusätzlich erreicht die Staatsverschuldung der meisten Länder historische Spitzenwerte, zumindest absolut, nicht immer auch in Relation zum Bruttoinlandsprodukt und gleichzeitig erleben die meisten Aktienmärkte Höchststände und die Bewertungen im Verhältnis zum Gewinn steigen in astronomische Höhen, während angesichts der hohen Inflation einfache Veranlagungen mit deutlichen Realverlusten konfrontiert sind.

In dieser Welt ist es verständlich, dass viele eine drastische Änderung der Wirtschaftspolitik fordern, von einer schnellen Rückkehr zum Nulldefizit, über das Ende der Anleihekäufe der Zentralbanken – oft auch als Geldschwemme bezeichnet – bis zur Forderung von raschen Zinserhöhungen. Auch die Finanzmärkte haben in den letzten Wochen eine solche Entwicklung „eingepreist“.

Sind diese Forderungen gerechtfertigt und wird es dazu kommen?

Ein genaueres Hinsehen lässt einen deutlich zweifeln. Ja, Österreichs Bruttoinlandsprodukt hat das Niveau von 2019 erreicht, aber dies entspricht einem Wirtschaftswachstum in zwei Jahren von 0 Prozent, tatsächlich müsste das BIP bereits mindestens 3 Prozent über dem Niveau von 2019 sein, damit wir von normalem Wachstum sprechen könnten. Und selbst wenn wir ein starkes Wachstum 2022 erwarten, am Ende von 2022 liegt dann das Niveau der wirtschaftlichen Aktivität in Österreich noch immer ½ Prozent unter jenem, das wir vor der Pandemie für 2022 erwartet hatten, und selbst da waren wir schon nicht von einer Hochkonjunktur ausgegangen.

Und die Inflationsrate von 3 ½ Prozent ist zu 1 ½ Prozentpunkten nur auf den Energiepreisanstieg zurückzuführen, der Preisanstieg – ohne Energie – in Österreich vom Sommer 2019 bis Sommer 2021 betrug exakt 4 Prozent, also 2 Prozent pro Jahr. Dies kann kaum als Überhitzung bezeichnet werden. Und kann man tatsächlich die Effekte des Energie- und Rohstoffpreisanstiegs damit bekämpfen, indem man die Zinssätze deutlich erhöht und die Wirtschaft abkühlt? Energiepreisinflation ist eine Umverteilung zu den Energieerzeugern und wirkt auf die Wirtschaft wie eine Steuererhöhung. Und was passiert, wenn die Umschichtung des Konsums zu Gütern abflaut und das Virusgeschehen noch keine 100 Prozent des Dienstleistungskonsums zulässt? Auch stellt sich die Frage, ob die hohen Aktien- und Immobilienbewertungen im Euroraum tatsächlich einen großen Einfluss auf die Inflation haben.

Klarerweise muss die Wirtschaftspolitik auch wieder die sehr expansiven Maßnahmen beenden, aber ob jetzt bereits der richtige Zeitpunkt im Euroraum dafür ist, glaube ich nicht. Ein zu frühes „Feuer aus“ droht in Europa wieder, so wie nach der Finanzkrise, was uns zehn Jahre lang unterdurchschnittliches Wachstum bescherte.

 

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

Stand: 9. November 2021.

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