Kommt mit dem Winter die Rezession?

Die rekordverdächtigen Entwicklungen bei vielen Wirtschaftsdaten – wie Energiepreisexplosion, Inflationsrate, Zinsanstieg, Stimmungseinbruch – machen es nicht leicht, den Überblick zu behalten, geschweige denn, tragfähige Prognosen zur Zukunft abzugeben. Auch wenn dies angesichts der vielen Unsicherheiten tatsächlich so schwierig wie selten zuvor ist: Eine Analyse der vergangenen Entwicklung ist dafür die Basis, daher hier nochmals kurz, was geschehen ist.
Die Erholung nach dem Einbruch zu Beginn der Pandemie war deutlich stärker als erwartet, auch dank der massiven fiskalischen Unterstützung, und vor allem war sie sehr ungleich. Während Dienstleistungen teilweise bis heute leiden, erlebten andere Bereiche, etwa dauerhafte Konsumgüter oder inländischer Tourismus, einen Boom. Diese starke Erholung traf jedoch einerseits auf massive pandemiebedingte Lieferschwierigkeiten und andererseits auf ein reduziertes Arbeitskräfteangebot, vor allem in den USA. Dazu kam – wie üblich im Aufschwung – ein deutlicher Anstieg der Rohstoffpreise, der, wie üblich, auf in der Rezession gefallene Preise folgte. Dies ließ in vielen Ländern, vor allem in den USA, weniger im Euroraum, die Inflation deutlich steigen.
In diesen Preisanstieg, der deutlicher und länger ausfiel als erwartet, platzte der Ausbruch des Kriegs in der Ukraine, der alle Energiepreise in niemals erwartete Höhen trieb, was wiederum die Inflationsraten auf zehn Prozent und mehr ansteigen ließ. Obwohl die Pandemie und der Krieg, zumindest in Europa, hauptverantwortlich für diesen Anstieg der Inflation waren, gerieten die Zentralbanken unter enormen Druck, nicht zuletzt auch aufgrund gestiegener Inflationserwartungen, ihrer „zu optimistischen“ Inflationsprognosen und schlussendlich auch als „Schuldige“ für ein massives gesellschaftspolitisches Problem: den Realeinkommensschock der Haushalte.
Schlussendlich blieb den Zentralbanken nichts anderes übrig, als die Flucht nach vorne anzutreten und in einer beginnenden Rezession sehr deutlich die Zinsen zu erhöhen bzw. die Erwartungen deutlich steigender Zinsen nach oben zu „reden“.
Wie wird es weiter gehen? Die vorauslaufenden Konjunkturindikatoren deuten deutlich auf eine beginnende Rezession im Euroraum hin, und über den Winter ist wohl mit einer rückläufigen Wirtschaft zu rechnen, selbst unter der Annahme, dass es keine energiebedingten Einschränkungen gibt. Die rückläufige Auslandsnachfrage und der Realeinkommensschock, wenn auch gemildert durch die Politik, sind dafür verantwortlich. Die Inflationsraten werden wohl die 10 Prozent erreichen und auch 2023 kaum die 2-Prozent-Marke streifen. Nicht zuletzt auch aufgrund der drohenden Rezession wird die EZB versuchen, ihre Zinserhöhung zu beschleunigen, und es besteht die Gefahr, dass sie eher zu viel als zu wenig tut. Erst gegen Ende 2023 bzw. Anfang 2024 werden wir wieder bessere Wirtschaftsdaten bei erkennbar sinkender Inflation haben. Allerdings sind diese Erwartungen aus heutiger Sicht mit enormer Unsicherheit behaftet, mehr als normalerweise.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

Stand: 1. September 2022

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

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