UniCredit Bank Austria Branchenüberblick
Konjunktur schwach, aber stabil mit uneinheitlichen Branchentrends
- Verbesserte Konjunkturstimmung in allen Wirtschaftssektoren, doch weiterhin unter dem langjährigen Durchschnitt
- Die Industrie überraschte mit Wachstum in der ersten Jahreshälfte, aber gesunkene Wettbewerbsfähigkeit und US-Zölle werden Dynamik dämpfen
- Dennoch sollte die Industrieproduktion 2025 um rund 1,5 Prozent real zulegen können, nach zwei Jahren mit Rückgängen
- Die Stagnation am Bau hält voraussichtlich an, belastet von anhaltendem Tief im Hochbau
- Der Dienstleistungssektor bleibt der Wachstumsträger der heimischen Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte mit guter Chance auf etwas mehr Zugkraft
- Handel im ersten Halbjahr knapp im Plus, belastet von negativen Ergebnissen des Großhandels. Preisbereinigt werden auch die Einzelhandels- und KFZ-Handelsumsätze heuer nur wenig zulegen
Nach dem leichten Anstieg des BIP zu Jahresbeginn um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal setzte sich der schwache Aufwärtstrend im zweiten Quartal fort. Die Wirtschaftsleistung legte erneut um 0,1 Prozent zum Vorquartal zu. Im Jahresvergleich unterschreitet das BIP im ersten Halbjahr 2025 den Vergleichswert des Vorjahres allerdings um 0,2 Prozent.
„Das leichte Wirtschaftswachstum seit dem Jahresbeginn ist vor allem der Belebung in der Industrie zu verdanken, die jedoch im Frühjahr stark abflaute. Während sich der Rückgang der Wertschöpfung am Bau fortsetzte, gewann der Dienstleistungssektor an Kraft und wurde im weiteren Jahresverlauf zur treibenden Kraft. Allerdings mit sehr uneinheitlicher Entwicklung, denn die Wertschöpfung der Finanzdienstleistungen und Immobiliendienste sowie der sonstigen wirtschaftlichen Dienste legte zu, während konsumnahe Bereiche wie der Handel oder die Tourismusbereiche nicht expandieren konnten“, meint UniCredit Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer.
Ins dritte Quartal 2025 starteten die heimischen Unternehmen in der Mehrzahl mit pessimistischen Erwartungen, allerdings verbessert gegenüber dem zweiten Quartal. Das Branchenklima ist aktuell in den meisten Sektoren trüb oder abkühlend. Nur vereinzelt gibt es Lichtblicke, wie in der Lebensmittelerzeugung sowie in der Elektrotechnik oder Metallwarenerzeugung, wobei die letzteren durch die US-Zollpolitik nicht nachhaltig erscheinen.
Die aktuellen Umfragewerte lassen für die kommenden Monate weiterhin nur eine verhaltene Wirtschaftsentwicklung erwarten, obwohl sich die Lageeinschätzung in allen Wirtschaftssektoren zu Beginn des dritten Quartals verbessert hat. Insbesondere der Dienstleistungssektor spürt, gestützt auf niedrigere Zinsen und eine gestiegene Kaufkraft, etwas Rückenwind. Der Sparkurs der Regierung und die andauernde Verschlechterung der Lage am Arbeitsmarkt dämpfen jedoch die Aussichten in den kommenden Monaten.
Auch in der Bauwirtschaft ist die Lage zu Beginn der zweiten Jahreshälfte etwas günstiger geworden. Die Konjunkturaussichten am Bau bleiben trotz partieller Stabilisierungstendenzen für die kommenden Monate jedoch sehr herausfordernd, insbesondere für den Hochbau. Das Zollabkommen mit den USA hat die Verunsicherung in der heimischen Industrie zumindest gemildert, die moderaten Erholungstendenzen der Industriekonjunktur haben sich etwas gefestigt, doch die Risiken im Export dämpfen weiterhin.
„Wir gehen davon aus, dass der Dienstleistungssektor die österreichische Wirtschaft auf Wachstumskurs halten wird. Die Industriekonjunktur dürfte in den kommenden Monaten zumindest stabil laufen. Dagegen werden sich die Hoffnungen auf einen günstigeren Konjunkturtrend am Bau aufgrund der Herausforderungen im Hochbau vorerst kaum erfüllen“, meint UniCredit Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl und ergänzt: „Schwach, aber stabil schwach, zeigt sich die Konjunktur derzeit in Österreich. Die seit dem Jahresbeginn zu beobachtende schwache BIP-Dynamik sollte sich in der zweiten Jahreshälfte relativ unverändert fortsetzen. Damit ist für die österreichische Wirtschaft nach zwei rückläufigen Jahren wieder ein – wenn auch nur minimaler – BIP-Anstieg von 0,1 Prozent im Bereich des Möglichen.
Für die Ermittlung des Branchenklima-Indikators werden die Entwicklung der Produktion und Umsätze bis zum 1. Halbjahr 2025 den Ergebnissen der Konjunkturbefragung bis Juli 2025 gegenübergestellt.
Industrie verbessert, aber hohe Risiken durch US-Zollpolitik
Nach dem Produktionsminus um fast 5 Prozent im Jahr 2024 nahm die reale Produktion in der Industrie in der ersten Jahreshälfte um 2,6 Prozent (Herstellung von Waren) zu. Während einige konsumnahe Bereiche wie die Nahrungsmittelerzeugung und vor allem die Pharmaindustrie ihren kräftigen Wachstumskurs fortsetzen konnten, war die Trendwende vor allem einer Verbesserung in manchen Investitionsgüterindustrien bzw. baunahen Bereichen zu verdanken, wie der Holzindustrie, der chemischen Industrie und der Metallerzeugung. Auch die Herstellung von Kraftfahrzeugen drehte ins Plus, konnte nach gutem Start ins Jahr den positiven Trend in weiterer Folge aber nicht mehr halten. Weiter unter Druck sind die Metallwarenerzeugung und der Maschinenbau, jedoch mit zaghaften Lichtblicken zur Jahresmitte.
„Angesichts anstehender Herausforderungen durch eine gesunkene Wettbewerbsfähigkeit, eine noch schwache Investitionskonjunktur sowie die US-Zollpolitik liegen die Produktionserwartungen weiter unter dem langjährigen Durchschnitt. Sie haben sich jedoch trotz ungünstiger Auftragslage zu Beginn des dritten Quartals weiter verbessert. Der leichte Rückenwind für die heimische Industrie sollte in den kommenden Monaten zwar nicht an Stärke gewinnen, sich aber auch nicht gänzlich legen. Aufgrund der Risiken im Export sind konjunkturunsensible Bereiche wie die Lebensmittelerzeugung im Vorteil, während die US-Zölle unter anderem der Pharmaindustrie und der KFZ-Herstellung zusetzen dürften“, so Pudschedl.
Am (Hoch-)Bau kriselt es weiter
Nach dem Rückgang der Bauproduktion im Jahr 2024 sowohl im Hoch- als auch im Tiefbau kam es in der ersten Jahreshälfte 2025 in den beiden Bereichen zu einer sehr unterschiedlichen Entwicklung. Die Stabilisierungstendenzen in der Hochbaukonjunktur, die rund um den Jahreswechsel zu beobachten waren, setzten sich im zweiten Quartal nicht mehr fort. Die Bauproduktion im Hochbau sank um über 10 Prozent im Jahresvergleich (real, arbeitstagbereinigt).
In einer starken Gegenbewegung zum letztjährigen Einbruch stieg die Produktion im Tiefbau in der ersten Jahreshälfte um fast 15 Prozent an, wobei sich das Wachstumstempo nach einem besonders guten Jahresbeginn schrittweise verringerte.
Auch in den vorbereitenden Baustellenarbeiten, Bauinstallationen und Ausbaugewerben wurde die Konjunktur im Jahresverlauf schwächer, belastet durch den Abbau staatlicher Förderungen. In der ersten Jahreshälfte stagnierte die Produktion im Jahresvergleich. Insgesamt wies die Bauproduktion in der ersten Jahreshälfte nur einen minimalen Rückgang gegenüber dem Vorjahr um 0,3 Prozent real auf.
Als größtes Produktionshindernis am Bau geben rund ein Viertel der Unternehmen den Mangel an Aufträgen an, jedoch seit einigen Monaten mit abnehmender Tendenz. Demzufolge hat sich die Auftragslage am Bau stabilisiert, liegt in allen Teilbereichen jedoch weiter unter dem langjährigen Durchschnitt, auch im deutlich verbesserten Tiefbaubereich.
„Die Krise im Hochbau geht in die Verlängerung. Als Hoffnungsschimmer bleiben die wieder günstigeren Finanzierungsbedingungen, die vor allem den Nichtwohnungsbau in der zweiten Jahreshälfte unterstützen dürften. Die bislang hohe Dynamik im Tiefbau wird wohl nicht gehalten werden können, angesichts knapper öffentlicher Budgets. Die Konsolidierung des Staatshaushalts wird in den kommenden Monaten auch den Ausbau- und Nebengewerben zusetzen, nachdem diverse Fördermaßnahmen eingestellt wurden, wie zumindest temporär der Reparaturbonus oder der Heizkesseltausch“, meint Pudschedl und ergänzt: „Die Aussichten für die Baukonjunktur in der zweiten Jahreshälfte sind sehr verhalten. Der konjunkturelle Tiefpunkt dürfte zwar erreicht worden sein, aber über alle Teilsektoren betrachtet sind weiter keine Wachstumsimpulse auszumachen. Zumindest eine Festigung der Stabilisierungtendenzen ist in Sicht.“
Etwas mehr Rückenwind für den Dienstleistungssektor
Nach der Abschwächung im ersten Quartal 2025 verbesserte sich die Dienstleistungskonjunktur im zweiten Quartal geringfügig, zeigte sich aber weiter deutlich belastet durch den Anstieg der Inflation über die Marke von 3 Prozent, was den laufenden Anstieg der realen Kaufkraft einbremste und das Konsumentenvertrauen belastete. Zudem stieg die Verunsicherung der Konsumenten infolge der anhaltenden Verschlechterung der Lage am Arbeitsmarkt und der Konjunktursorgen in Zusammenhang mit der US-Zollpolitik.
Gestützt auf die Stabilisierung in der Industrie und die gute Nachfrage im Tourismus konnte im Bereich Verkehr und Lagerei im zweiten Quartal ein Umsatzplus erreicht werden. Im Bereich der Wirtschaftsdienste waren im bisherigen Jahresverlauf die Branchen mit realen Umsatzrückgängen in der Mehrzahl. Während IKT- Dienstleistungen real expandieren konnten, kam es in der Werbung, bei baunahen, technischen Diensten, den Reinigungsdiensten und vor allem bei der Überlassung von Arbeitskräften zu spürbaren Umsatzrückgängen.
Im Beherbergungs- und Gaststättenwesen lagen dank einer guten Auslastung und einem leichten Anstieg der Nächtigungszahlen die Umsätze von Jänner bis Mai 2025 um durchschnittlich 2,3 Prozent über dem Vorjahr. Aufgrund der hohen Inflation bedeutet dies jedoch einen realen Umsatzrückgang von durchschnittlich 2 Prozent, etwas stärker in der Beherbergung als in der Gastronomie.
„Das Branchenklima im Dienstleistungssektor hat sich im Verlauf des zweiten Quartals kontinuierlich verbessert. Sowohl die aktuelle Stimmung als auch die Nachfrageerwartungen für die nächsten drei Monate liegen aktuell auf Jahreshöchstständen. Weiterhin werden die Geschäftslage und die Aussichten ungünstiger als im langjährigen Durchschnitt eingeschätzt, doch erstmals seit langer Zeit besser als im Euroraum“, meint Pudschedl und ergänzt: „Der Rückenwind für die Dienstleistungskonjunktur hat wieder etwas zugenommen, bleibt aber angesichts der hohen Inflation, der Anspannung am Arbeitsmarkt sowie der Budgetsparankündigungen überschaubar. Der Dienstleistungssektor sollte in der zweiten Jahreshälfte weiter auf Wachstumskurs bleiben, voraussichtlich sogar mit etwas höherem Tempo als in den vergangenen Monaten.“
Geringes Umsatzplus im Handel dürfte knapp gehalten werden können
Nach dem starken Start ins Jahr 2025 verlor der Handel im Frühjahr deutlich an Tempo, begann sich jedoch im Verlauf des zweiten Quartals wieder zu stabilisieren. In den ersten fünf Monaten stiegen die Umsätze durchschnittlich um fast 2 Prozent nominell, was real einem Plus um 0,5 Prozent entsprach.
Die Aussichten in allen Sparten des Handels für das zweite Halbjahr sind sehr zurückhaltend. Während sich im Großhandel mit Gebrauchs- und Verbrauchsgütern sowie im Großhandel mit Datenverarbeitungsgeräten deutliche Umsatzzuwächse möglich scheinen, sind vor allem in den industrie- und baunahen Sparten weitere Einbußen wahrscheinlich.
Trotz steigender Kaufkraft muss in den kommenden Monaten auch im Einzelhandel mit einer durchwachsenen Entwicklung gerechnet werden.Während sich der Lebensmitteleinzelhandel, der Einzelhandel mit Bekleidung und der Handel mit Datenverarbeitungsgeräten und Unterhaltungselektronik weiter überdurchschnittlich gut entwickelten dürften, wird unter anderem der Sportfachhandel oder der Handel mit Bau- und Handwerkerbedarf weiter unter Druck stehen.
Mit Beginn der zweiten Jahreshälfte haben die Unternehmen im KFZ-Handel inklusive Werkstätten ihre Geschäftsaussichten als weitgehend stabil eingeschätzt, die Nachfrageerwartungen für die kommenden Monate haben sich jedoch deutlich verschlechtert. Die bestehenden Herausforderungen lassen auf mittlere Sicht auch hier eine vorsichtigere Umsatzentwicklung erwarten, belastet von den weiterhin zurückhaltenden Konjunkturaussichten und der angespannten Lage am Arbeitsmarkt.
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UniCredit Bank Austria Economics & Market Analysis Austria
Walter Pudschedl, Tel.: +43 (0) 5 05 05-41957;
E-Mail: walter.pudschedl@unicreditgroup.at