
Interview mit Petra Wimmer
„Gewinner des Bank Austria Sozialpreises in der Kategorie Urban Social Renewal“: Wie hört sich das an? Was war Ihre erste Reaktion?
Das hört sich noch immer fast ein wenig unwirklich an. Unsere erste Reaktion war riesige Freude – und auch großer Stolz auf all jene Menschen, die das Kleinstadtbiotop mit viel Engagement, Mut und Ausdauer aufgebaut haben und täglich mit Leben erfüllen. Diese Auszeichnung ist eine wunderbare Anerkennung für ein Projekt, das von Beginn an von sehr vielen Menschen gemeinsam getragen wurde. Dass unsere Arbeit gerade in der neuen Kategorie „Urban Social Renewal“ ausgezeichnet wird, freut uns besonders, weil dieser Begriff sehr genau beschreibt, was wir in Vöcklabruck erreichen wollen.
Beschreiben Sie bitte noch einmal kurz, was Ihr Projekt ausmacht?
Das Kleinstadtbiotop ist ein rund 1.300 Quadratmeter großer Begegnungs-, Einkaufs- und Erlebnisort mitten am Stadtplatz von Vöcklabruck. Aus einem großen innerstädtischen Leerstand ist ein lebendiger Ort mit verschiedenen Handelsbetrieben, zwei Gastronomiebetrieben, Kinder- und Kursflächen, einem Atelier sowie drei sozialen Einrichtungen entstanden. Das Besondere ist die Verbindung von Innenstadtbelebung, regionaler Wirtschaft, sozialer Teilhabe und gelebter Inklusion. Heute arbeiten elf Menschen mit Beeinträchtigungen in Handel, Gastronomie und am gemeinsamen Service Desk. Rund 80 Menschen wirken im Kleinstadtbiotop mit, täglich besuchen uns durchschnittlich etwa 300 Menschen. Herzstück ist unser konsumfreier Marktplatz – ein Ort, an dem man sich treffen und aufhalten kann, ohne etwas kaufen zu müssen. Gleichzeitig entwickeln wir das Projekt laufend weiter.
Im Herbst 2026 startet gemeinsam mit der Lebenshilfe Oberösterreich und der Pestalozzischule Vöcklabruck ein neuer, dreijähriger inklusiver Lehrgang für Gastronomie und Handel mit rund zwölf Teilnehmer:innen. Dabei werden Theorie, praktische Ausbildung im Kleinstadtbiotop und Erfahrungen in unterschiedlichen Partnerbetrieben miteinander verbunden. Auch unser Netzwerk wächst stetig: Immer mehr soziale Einrichtungen, Bildungsorganisationen, Unternehmen und regionale Initiativen bringen sich ein und entwickeln gemeinsam mit uns neue Angebote.
Was bedeutet „Urban Social Renewal“ für Sie und Ihren Verein ganz persönlich – und welchen Beitrag leistet Ihr Projekt dazu, das Leben in der Stadt besser und lebenswerter zu machen?
Urban Social Renewal bedeutet für uns, nicht nur Gebäude oder Plätze zu erneuern, sondern auch das gesellschaftliche Miteinander. Eine Stadt wird nicht allein durch eine schöne Fassade lebendig, sondern durch Menschen, Begegnungen, Teilhabe und Möglichkeiten.
Mit dem Kleinstadtbiotop haben wir einen großen Leerstand reaktiviert, ohne neue Flächen zu versiegeln. Gleichzeitig haben wir einen barrierefreien und konsumfreien Ort geschaffen, an dem Handel, Gastronomie, Bildung, soziales Engagement, Kunst und Inklusion selbstverständlich zusammengehören. Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen arbeiten hier gemeinsam, Kinder erhalten Unterstützung, regionale Unternehmen bekommen Raum und die Innenstadt wird wieder zu einem Ort, an dem man gerne Zeit verbringt.
Der neue inklusive Lehrgang ist für uns ein wichtiger nächster Schritt: Wir möchten Menschen mit Beeinträchtigungen nicht nur Beschäftigung, sondern echte Ausbildung, persönliche Entwicklung und langfristige berufliche Perspektiven ermöglichen. Dass dafür immer mehr Partner:innen Verantwortung übernehmen, zeigt, wie aus einem einzelnen Projekt ein wachsendes Netzwerk für soziale und nachhaltige Stadtentwicklung entstehen kann.
Warum ist die Kombination von Stadterneuerung und sozialen Aspekten aus Ihrer Sicht so wichtig?
Stadterneuerung bleibt oberflächlich, wenn sie sich nur mit Gebäuden, Fassaden oder Verkaufsflächen beschäftigt. Damit eine Innenstadt dauerhaft lebendig wird, muss sie für unterschiedliche Menschen zugänglich sein und einen echten gesellschaftlichen Mehrwert bieten.
Umgekehrt brauchen soziale Initiativen gut erreichbare, sichtbare und attraktive Orte mitten im täglichen Leben. Im Kleinstadtbiotop befinden sich soziale Angebote deshalb nicht am Rand, sondern selbstverständlich inmitten von Handel, Gastronomie und Begegnung. Dadurch entstehen Berührungspunkte, Vorurteile werden abgebaut und Inklusion wird nicht nur besprochen, sondern jeden Tag gelebt. Die laufend entstehenden Kooperationen zeigen außerdem, dass nachhaltige Stadterneuerung am besten gelingt, wenn soziale Einrichtungen, Wirtschaft, Bildung, Zivilgesellschaft und öffentliche Hand gemeinsam Verantwortung übernehmen.
Wie werden Sie das Preisgeld von 12.000 Euro konkret für Ihr Projekt einsetzen?
Wir möchten das Preisgeld für die räumliche und optische Weiterentwicklung des Kleinstadtbiotops einsetzen. Ein besonders dringendes Anliegen ist eine energieeffiziente Klimaanlage für unsere Markthalle. In Zeiten zunehmender Hitzeperioden müssen wir für gute und sichere Arbeitsbedingungen sorgen – insbesondere für die elf Menschen mit Beeinträchtigungen, die bei uns beschäftigt sind. Gleichzeitig möchten wir die Aufenthaltsqualität für unsere täglich rund 300 Besucher:innen verbessern. Davon werden künftig auch die Teilnehmer:innen unseres neuen inklusiven Lehrgangs profitieren, die ihre praktische Ausbildung teilweise direkt im Kleinstadtbiotop absolvieren.
Ein weiterer Teil des Preisgeldes soll in unseren Eingangsbereich und unseren Außenauftritt fließen. Von außen ist derzeit noch zu wenig erkennbar, welche Vielfalt und welche sozialen Angebote sich hinter unseren Türen befinden. Zum allerersten Mal möchten wir daher mit einer professionellen Agentur zusammenarbeiten, um unseren Auftritt klarer, einladender und sichtbarer zu gestalten. Das soll Hemmschwellen abbauen, Orientierung schaffen und noch mehr Menschen den Zugang zu unserem Haus ermöglichen.
Darüber hinaus werden wir einen Bildungsbaustein für das Caritas-Lerncafé im Kleinstadtbiotop erwerben. Dort erhalten Kinder und Jugendliche kostenlos und verlässlich Unterstützung beim Lernen. Damit fließt ein Teil des Preisgeldes direkt in eine weitere wichtige soziale Initiative unter unserem gemeinsamen Dach.
Fotocredits: © Thomas Koller
Das Projekt
Eingereicht von: Verein KLEINSTADTBIOTOP Vöcklabruck
Projektstart: 27.10.20235
Social-Media: https://www.kleinstadtbiotop.at
Das Kleinstadtbiotop Vöcklabruck ist ein gemeinwohlorientiertes Stadtentwicklungsprojekt, das leerstehende Flächen im Stadtzentrum in einen lebendigen Ort für Arbeit, Bildung, Kunst und Begegnung transformiert. Auf rund 1.300 m² wurde eine zuvor teilweise ungenutzte Immobilie revitalisiert und zu einem multifunktionalen Standort entwickelt, der heute als Impulsgeber für eine nachhaltige Innenstadtentwicklung wirkt.
Das Kleinstadtbiotop vereint Gastronomie, Einzelhandel sowie soziale und zivilgesellschaftliche Akteur:innen unter einem Dach – darunter die Caritas mit Lerncafé, die Lebenshilfe Oberösterreich und Amnesty Youth. Ergänzt wird dieser Nutzungsmix durch ein vielfältiges Bildungs- und Kunstprogramm. So entsteht ein hybrider Ort, der wirtschaftliche Aktivität mit sozialer Verantwortung verbindet und neue Formen der Zusammenarbeit ermöglicht. Als „etwas anderes Einkaufszentrum“ setzt das Projekt auf ein innovatives Modell unter dem Leitgedanken: Shopping, Kulinarik, Erlebnis und Begegnung – alles unter einem Dach.
Im Zentrum steht die aktive Teilhabe: Rund 80 Personen sind in Betrieb und Organisation eingebunden, darunter aktuell neun Menschen mit Behinderungen, die in inklusiven Arbeitsstrukturen tätig sind. Sie sind fest in den Arbeitsalltag integriert und übernehmen Aufgaben in Service, Organisation und Betrieb. Das ist Inklusion mitten in der Gesellschaft und mitten in der Stadt.
Zudem entwickelt sich das Projekt kontinuierlich weiter – sowohl durch niederschwellige Initiativen als auch durch strukturelle Innovationen. Laufend entstehen neue Formate wie Workshops, kreative Angebote und kleinere soziale Projekte.