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Interview mit Julian Leutgeb

„Gewinner des Bank Austria Sozialpreises Salzburg 2026“: Wie hört sich das an? Was war Ihre erste Reaktion?

Der erste Impuls war: Yeah! Und wem sage ich das jetzt als Erstes? Den Mentor:innen, unseren Förderpartner:innen, den Jugendlichen? Hinter Sindbad stehen viele Menschen – der Preis gehört genauso ihnen. Der Preis freut uns als Auszeichnung. Und weil er Aufmerksamkeit schafft für die in Österreich notwendige Arbeit für Chancengerechtigkeit. Besonders am Ende der Pflichtschule entscheidet sich für benachteiligte Jugendliche, ob sie ihre Fähigkeiten einbringen und zur Gesellschaft beitragen können oder mit hoher Wahrscheinlichkeit arbeitslos werden.

Wie haben Sie selbst die letzten Wochen und Tage des Votings erlebt?

Aufregend war es. Wir haben viele Nachrichten rausgeschickt, alte Kontakte angeschrieben und Sindbad noch einmal von verschiedenen Seiten erklärt. Die letzten Tage waren besonders intensiv, weil das Ergebnis lange offenstand. Dass am Ende so viele mitgemacht haben, weil sie unsere Arbeit für sinnvoll halten, hat mich und uns alle irrsinnig gefreut.

Beschreiben Sie bitte noch einmal kurz, was Ihr Projekt ausmacht?

In Österreich hängen die Chancen auf Bildung und Einkommen noch immer davon ab, in welche Familie man hineingeboren wird. Menschen aus der unteren Einkommensschicht brauchen im Schnitt fünf Generationen, um ein durchschnittliches Einkommen zu erreichen. Und 68 Prozent der Jugendlichen, die eine weiterführende Schule abbrechen, waren davor auf einer Mittelschule.

Der Übergang am Ende der Pflichtschule stellt für viele Jugendliche die Weichen Richtung höherem Schulabschluss, Lehre oder Arbeitslosigkeit – und damit auch dafür, ob sie ihren Platz und Beitrag in der Gesellschaft finden.

Uns erreichen Jugendliche, denen es nicht an Fähigkeiten fehlt, sondern an Zugang: zu Informationen, Kontakten und einer Unterstützung, die auch dann erreichbar bleibt, wenn es holprig wird. Unsere Mentor:innen begleiten die Jugendlichen ehrenamtlich über acht bis zwölf Monate. Die Beziehung ist für beide Seiten stärkend: Die Mentor:innen lernen andere Lebenswelten kennen, sammeln Social-Leadership-Erfahrung und erleben unmittelbar, dass ihr Beitrag wirkt. 83 % unserer Mentees werden erfolgreich in eine weiterführende Ausbildung vermittelt.

Ein großer Teil der Ausbildungsabbrüche passiert in den ersten drei Monaten. Deshalb begleiten wir die Jugendlichen auch nach dem Übergang in die neue Schule oder Lehre. Denn es geht nicht nur darum, den nächsten Schritt zu finden, sondern ihn auch zu tun und die Hürden des Neuen und Ungewohnten zu überwinden.

Wie werden Sie das Preisgeld von 12.000,- EUR konkret für Ihr Projekt einsetzen?

Das Preisgeld macht das Mentoringprogramm 2027 wieder möglich: für die Gewinnung und Vorbereitung von Mentor:innen, die Begleitung der Mentoringteams und Workshops. Die 1:1-Beziehungen zwischen Mentor:innen und Mentees tragen sich nicht von selbst. Im Hintergrund braucht es Menschen, die sie begleiten und den Rahmen dafür schaffen.

Doch genau diese Arbeit im Hintergrund wird schwieriger zu finanzieren: Öffentliche Förderungen im Sozialbereich sinken eher, als dass sie steigen, obwohl die zuständigen Stellen von der Wirkung und Notwendigkeit überzeugt sind. Wir halten das für Sparen am falschen Ort. Wer heute nicht ausreichend in Chancen für junge Menschen investiert, zahlt für die Folgen dieser Kurzsichtigkeit später doppelt und dreifach. Eine Wirkungsmessung der Wirtschaftsuniversität Wien belegt: Jeder in Sindbad investierte Euro schafft einen direkten gesellschaftlichen Mehrwert von über 12 Euro, bei Einrechnung künftiger Beschäftigungseffekte sogar 25,53 Euro.

Für 2027 haben wir momentan eine Finanzierungslücke von rund 80.000 Euro. Wer uns als Förder- oder Unternehmenspartner unterstützen oder direkt steuerlich absetzbar spenden und so zu Chancengerechtigkeit beitragen möchte, ist willkommen.

Warum ist es aus Ihrer Sicht notwendig, Projekte ins Leben zu rufen, die einen Nutzen für Kinder/Jugendliche/Frauen/die Gesellschaft/ Integration & Migration stiften?

Notwendig ist es, weil es gebraucht wird. Aber warum sollte es jemand tun? Aus Überzeugung? Aus Empathie? Aus Eigeninteresse? In Moralphilosophien und Religionen findet sich der Gedanke: Wer mehr Möglichkeiten hat, soll Menschen mit weniger Möglichkeiten unterstützen. „Der Höchste dient dem Niedrigsten“, hat mir Orland Bishop einmal sinngemäß gesagt. Aber vielleicht braucht es heute neben der ethischen auch eine ganz eigennützige Begründung.

Wenn Menschen dauerhaft das Gefühl haben, beim gesellschaftlichen Spiel nur verlieren zu können, spielen sie irgendwann gar nicht mehr mit. Das kann sich unterschiedlich zeigen, in Rückzug und Resignation, aber auch in Radikalisierung, Gewalt oder Kriminalität. Eine Investition in die Chancen junger Menschen schafft so auf lange Sicht mehr Sicherheit als eine neue Alarmanlage.

Kein einzelnes Projekt löst strukturelle Ungleichheit. Aber viele Menschen, die an konkreten Stellen ansetzen, verschieben über die Zeit, was möglich ist. Vielleicht eine Gesellschaft, in der alle gewinnen? Gemeinsam mit unseren ehrenamtlichen Mentor:innen setzen wir da an, wo junge Menschen Unterstützung brauchen, die einen Unterschied macht: Beim Bildungsübergang nach der Pflichtschule. Eine Person, die zuhört, mitdenkt und dranbleibt, kann hier aus einer vagen Möglichkeit einen echten nächsten Schritt machen. Für Jugendliche, die mitspielen dürfen. Das zählt.

Fotocredits: © Florian Niederseer


Das Projekt

Eingereicht von: Sindbad – Mentoring für Jugendliche Salzburg
Projektstart: 11.05.2021
Kategorie: Kinder/Jugendliche, Integration/Migration
Social-Media: https://www.sindbad.co.at/

 


 

Sindbad Salzburg begleitet Jugendliche in einer entscheidenden Übergangsphase zwischen Schule, Ausbildung und Beruf. Das Programm richtet sich insbesondere an junge Menschen mit erschwerten Startbedingungen und unterstützt sie dabei, ihren Bildungs- und Berufsweg eigenständig und erfolgreich zu gestalten. Im Mittelpunkt stehen die Schaffung konkreter Perspektiven sowie die Förderung von Chancengerechtigkeit – unabhängig von Herkunft oder sozialem Hintergrund.

Ein zentrales Element des Projekts ist das persönliche 1:1-Mentoring. Durch die individuelle Begleitung entsteht eine vertrauensvolle Beziehung, die Jugendlichen Orientierung, Motivation und Unterstützung bei wichtigen Entscheidungen bietet. Diese persönliche Betreuung stärkt die Selbstbestimmung und hilft dabei, Herausforderungen im Bildungs- und Berufsalltag besser zu bewältigen.

Ergänzt wird das Mentoring durch regelmäßige monatliche Check-ins, die eine kontinuierliche Begleitung sicherstellen. Dabei werden nicht nur die MentorInnen, sondern bei Bedarf auch weitere Ansprechpersonen in den Unterstützungsprozess eingebunden. So können Schwierigkeiten frühzeitig erkannt und passende Hilfestellungen angeboten werden.

Durch diesen ganzheitlichen Ansatz leistet Sindbad Salzburg einen wichtigen Beitrag zur Prävention von Arbeitslosigkeit und unterstützt Jugendliche dabei, langfristig erfolgreiche Bildungs- und Berufswege einzuschlagen. Gleichzeitig fördert das Projekt soziale Teilhabe und stärkt die individuellen Kompetenzen der Teilnehmenden nachhaltig.

Die Nominierung für den Bank Austria Sozialpreis würdigt die gesellschaftliche Relevanz und die nachweisbare Wirkung des Programms. Besonders die Kombination aus persönlicher 1:1-Begleitung, regelmäßigen Check-ins und einem starken Unterstützungsnetzwerk macht Sindbad Salzburg zu einem wirksamen Modell, um Jugendlichen verlässliche Chancen und nachhaltige Zukunftsperspektiven zu eröffnen.