Wer profitiert vom Boom?
Täglich lesen wir sensationelle Nachrichten aus der Wirtschaft - allerdings fast immer über die USA oder über China. Chinas Exporte, gemessen in realen Werten, liegen derzeit um rund 70 Prozent höher als Ende 2019. Allein heuer stiegen sie bisher, gerechnet in US-Dollar, um mehr als 20 Prozent. Die Industrieproduktion in China liegt um mehr als 40 Prozent über 2019, die deutsche um 10 Prozent darunter. Die österreichische Industrieproduktion immerhin um fast 10 Prozent über 2019.
In den USA kann die Wirtschaft mit erneut fast 2,5 Prozent realem Wachstum zwar nicht China mit dort knapp fünf Prozent schlagen, sehr wohl aber den Euroraum mit seinem Wert von rund einem Prozent. Gleichzeitig liegt der Wert der US-Aktien heute 170 Prozent über dem Niveau von 2019, das ist also fast eine Verdreifachung. Der europäische Aktienmarkt konnte sich in dieser Zeit praktisch verdoppeln, bleibt aber hinter den USA zurück.
Bei solchen wirtschaftlichen Erfolgen sollte man davon ausgehen, dass die Bevölkerung in den USA und in China optimistischer ist als in Europa. Nimmt man die aktuelle Stimmung der Verbraucher und vergleicht diese mit dem Durchschnitt der letzten zwanzig Jahre, bestätigt sich dies jedoch nicht.
Schlechte Stimmung
Im Gegenteil, die Stimmung der Konsumenten sowohl in China als auch den USA liegt deutlich unter dem Durchschnitt der Vergangenheit. Sie ist sogar so negativ wie noch nie in den letzten 25 Jahren. Zwar ist sie im Euroraum ebenfalls unterdurchschnittlich, aber deutlich besser als zu Beginn des Ukrainekrieges, während der Pandemie, bei der Euro- und bei der Finanzkrise. Der wirtschaftliche Erfolg der USA und Chinas scheint also nicht wirklich bei der Bevölkerung anzukommen.
Betrachtet man die Entwicklung der Unternehmensgewinne und der Löhne in den USA, so lag der Anteil der Gewinne der Unternehmen am wirtschaftlichen Erfolg des Landes, also am BIP, seit den 1950er Jahren noch nie so hoch wie derzeit, der Anteil der Löhne noch nie so niedrig. Man könnte argumentieren, die US-Haushalte profitieren davon auf dem Aktienmarkt. Dies ist zwar richtig, aber rund vier Fünftel der Dividendeneinkommen gehen an die obersten zehn Prozent der Einkommensbezieher, 70 Prozent müssen sich mit gerade neun Prozent zufriedengeben. Ein großer Teil der Bevölkerung partizipiert an diesem Erfolg somit nicht, muss aber höhere Energiepreise, Zölle und Zinsen bezahlen.
Und in China?
Man würde meinen, der chinesische Aktienmarkt müsste aufgrund der Erfolge der Unternehmen einer der stärksten sein. Ist er aber nicht. In Euro gerechnet legten die Aktien im Euroraum seit 2019 mehr als doppelt so stark zu wie die chinesischen. Und betrachtet man die Gewinne der chinesischen Industrie, so liegen sie heute so hoch wie 2019, trotz Exportplus von 70 Prozent. Gleichzeit ist der chinesische Unternehmenssektor – gerechnet im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung – der am höchsten verschuldete der Welt.
Es ist also nicht alles Gold, was glänzt am Boom der USA und Chinas. Allerdings heißt dies nicht, Europa kann sich damit zufriedengeben. Dass wir eine ausgeglichenere Verteilung der Erträge der Wirtschaft als in den USA haben, und unsere Unternehmen ertragreicher sind als jene in China, kann sich leicht ändern. Vor allem, wenn es nichts mehr zu verteilen gibt.
Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria
Stand: 16. Oktober 2026.
Stefan Bruckbauer, Chefökonom der Bank Austria

Folgen Sie Stefan Bruckbauer auf bsky unter
@sbruckbauer.bsky.social
Konjunkturprognosen und Wirtschaftsanalysen:
Diese Publikation stellt weder eine Marketingmitteilung noch eine Finanzanalyse dar. Es handelt sich lediglich um Informationen über allgemeine Wirtschaftsdaten.
Die Publikation wurde nicht unter Einhaltung der Rechtsvorschriften zur Förderung der Unabhängigkeit von Finanzanalysen erstellt und unterliegt nicht dem Verbot des Handels im Anschluss an die Verbreitung von Finanzanalysen.
Diese Informationen sind nicht als Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Finanzinstrumenten oder als Aufforderung, ein solches Angebot zu stellen, zu verstehen. Diese Publikation dient lediglich der Information und ersetzt keinesfalls eine individuelle, auf die persönlichen Verhältnisse der Anlegerin bzw. des Anlegers (z. B. Risikobereitschaft, Kenntnisse und Erfahrungen, Anlageziele und finanziellen Verhältnisse) abgestimmte Beratung.
Wertentwicklungen in der Vergangenheit lassen keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung zu.
Die vorstehenden Inhalte enthalten kurzfristige Markteinschätzungen. Die Wertangaben und sonstigen Informationen haben wir aus Quellen bezogen, die wir für zuverlässig erachten. Unsere Informationen und Einschätzungen können sich ändern, ohne dass wir dies bekannt geben.