30.01.2004

BA-CA Studie: Euro-Einführung in Osteuropa – sinnvoll, aber teilweise verzögert

  • Kleinere Länder könnten schon 2008 in Euro zahlen.
  • Für größere Länder ist späterer Eurobeitritt wahrscheinlich.

„Trotz aller Schwierigkeiten erwarten wir den Eurobeitritt von einigen der neuen EU-Mitglieder im Jahr 2008“, meint Stefan Bruckbauer, Volkswirtschaftsexperte bei der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA). Für die großen Beitrittsländer dürfte sich der Termin allerdings nach hinten verschieben. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Konzernvolkswirtschaft der BA-CA.

„Der Großteil der Beitrittsländer hat heute trotz kürzlicher Währungsturbulenzen einen stabileren Wechselkurs als die meisten derzeitigen Euroländer vier Jahre vor der Euroeinführung“, betont Marianne Kager, Chefökonomin der BA-CA. Trotzdem sei dies noch kein Garant dafür, dass diese Länder bereits eurofit seien.

Obwohl die Beitrittsländer im Jahr 2003 die gleiche Inflationsrate wie der Euroraum erreichten, dürfte mittelfristig in Osteuropa mit einer höheren Teuerungsrate zu rechnen sein. Dies erklärt sich vor allem aus der Anpassung des Preisniveaus an das steigende Lohnniveau in weiten Teilen der Wirtschaft, vor allem in der Industrie. Durch die im Vergleich zum „alten“ Euroraum höhere Inflation wird die nominelle Fixierung des Wechselkurses durch die Euromitgliedschaft zu einer permanenten realen Aufwertung führen, weshalb es bei mangelnder Steigerung der Produktivität zu Wettbewerbsproblemen kommen kann. Laut BA-CA-Studie besteht in den zentral- und osteuropäischen Ländern (CEE) jedoch noch genügend Spielraum für Produktivitätssteigerungen. Das BIP pro Erwerbstätigem liegt derzeit zwischen 20 und 40 Prozent des Eurodurchschnitts.

Keine unüberwindlichen Hindernisse
Grundsätzlich gehen die BA-CA-Ökonomen davon aus, dass weder die Inflation noch die Leistungsbilanzdefizite für den Eurobeitritt ein unüberwindliches Hindernis darstellen. „Die Schwierigkeit, Preissteigerungen und Produktivität in Einklang zu bringen, ist nicht nur vom nominellen Wechselkurs abhängig“, so Marianne Kager. Die teilweise hohen Leistungsbilanzdefizite der CEE-Länder sind nicht auf mangelnde Wettbewerbsfähigkeit, sondern auf hohe Investitionsquoten zurückzuführen.

Aus ökonomischer Sicht bestehen trotz vieler Bedenken wenig Alternativen zu einem raschen Eurobeitritt. „Für die CEE-Länder dürfte es schwierig sein, auch bei einem Nichtbeitritt zur Eurozone eine eigenständige Wechselkurspolitik zu verfolgen. Das Land würde dadurch nur unwesentlich wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum gewinnen“, meint Stefan Bruckbauer.

Maastrichtkriterien
Für den Eurobeitritt müssen die sogenannten Konvergenzkriterien erfüllt werden. Das Defizitkriterium (maximal 3 Prozent des BIP) wird derzeit von den baltischen Staaten und Slowenien erfüllt, von den größeren Ländern zum Teil deutlich verfehlt. Das Kriterium der Verschuldung (maximal 60 Prozent) erfüllen nach aktueller Datenlage alle Beitrittsländer.

Dem Wechselkurskriterium entspricht derzeit noch kein Land, weil die Beitrittskandidaten nicht Mitglied im Wechselkursmechanismus II (WKM II) sind. „Wären sie im WKM II vertreten, würden bereits alle neuen Mitglieder außer Lettland und Polen das Kriterium erfüllen“, so Kager.

Das Inflationskriterium (maximal 1,5 Prozent über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder des Euroraumes) wird aktuell von allen Ländern mit Ausnahme von Ungarn, der Slowakei und Slowenien erfüllt. Künftig wird es allerdings wieder schwieriger werden, dieses Kriterium zu erfüllen.

Beim Kriterium hinsichtlich der langfristigen Zinsen, die höchstens 2 Prozent über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder liegen dürfen, liegen derzeit nur Ungarn und Polen außerhalb des Limits.

Stabilitäts- und Wachstumspakt
Neben der Erfüllung der Maastrichtkriterien kommt auch der dauerhaften Erfüllung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes entscheidende Bedeutung zu. So sind die neuen Mitglieder bereits nach dem EU-Beitritt und noch vor einem Eurobeitritt verpflichtet, das mittelfristige Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes anzustreben, um auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Defizitgrenze von 3 Prozent nicht zu überschreiten. Für Nichteuromitglieder zieht eine Nichterfüllung allerdings deutlich geringere Konsequenzen nach sich. 
 
Damit stellt die Erfüllung des Stabilitäts- und Wachstumspakts in seiner derzeitigen Form und unabhängig vom Eurobeitritt eine Herausforderung für alle neuen EU-Mitglieder dar. Wie restriktiv der Pakt in den CEE-Ländern wirken könnte, zeigt sich an folgender Berechnung: Würden die CEE-Länder dem Stabilitäts- und Wachstumspakt bereits ab 2004 voll entsprechen, würde ihr Schuldenstand von derzeit 44 Prozent des BIP auf 34 Prozent im Jahr 2006 und auf unter 20 Prozent im Jahr 2013 sinken.

Mehr Spielraum
Die Experten der BA-CA gehen davon aus, dass das höhere reale und nominelle Wachstum in Zentral- und Osteuropa, verbunden mit der geringen Verschuldung (CEE: 44 Prozent, Eurodurchschnitt: 70 Prozent) mehr Spielraum bei der Interpretation des Stabilitäts- und Wachstumspakts ermöglichen würde. Würden die alten Euroländer ihr Nulldefizit einhalten und die neuen Mitglieder 3 Prozent erreichen, würde die gesamte Verschuldung des Euroraums sofort um etwa 1,5 Prozentpunkte sinken. Erst nach zehn Jahren würde die Verschuldung wieder auf jenen Wert ansteigen, den der Euroraum derzeit aufweist.

Allerdings sind die Ökonomen der BA-CA pessimistisch, dass mit großem Entgegenkommen seitens der EU zu rechnen sei. Ob und in welchem Ausmaß man den Beitrittskandidaten entgegenkommt, könnte davon abhängen, wie ehrgeizig die einzelnen Länder ihre Europläne verfolgen. Es ist davon auszugehen, dass die EU bereit sein wird, den Ländern bei der Erfüllung der wirtschaftspolitischen Vorgaben umso mehr entgegenzukommen, je weniger ehrgeizig die Europläne der Länder sind. „Für jene Länder, die deutliche Budgetkonsolidierungen vor sich haben, wäre ein zu ehrgeiziger Weg wachstumshemmend“, erklärt Bruckbauer. Sinnvolle und der Situation in den CEE-Ländern angepasste Vorgaben der EU können jedoch nach Meinung der BA-CA für einige Länder auch bei verschobenen Eurobeitritt positiven „Druck“ verursachen, ihr öffentliches Haushaltsdefizit wieder zu stabilisieren.

Wenig Risken durch Erweiterung
Für den heutigen Euroraum sieht die aktuelle Studie der BA-CA wenig Risken durch dessen Erweiterung. Wären die neuen Länder bereits 2003 Euromitglieder gewesen, hätte das Wirtschaftswachstum des Euroraumes statt 0,5 Prozent den Wert von 0,7 Prozent erreicht. Die Inflation wäre unverändert geblieben, das Defizit der öffentlichen Haushalte läge um 0,1 Prozentpunkte höher, die Verschuldung wäre um etwa einen Prozentpunkt geringer gewesen.

Insgesamt erwarten die Volkswirte der BA-CA keinen sehr raschen Beitritt zur Eurozone. „Die wirtschaftspolitischen Realitäten und der zu erwartende Druck seitens der Wirtschaft lässt jedoch ein Beitrittsdatum 2008 für zumindest einige Beitrittsländer als realistisch erscheinen“, resümiert Bruckbauer.


 Tabellen und Grafiken

Rückfragen: Bank Austria Creditanstalt  Konzernvolkswirtschaft und Marktanalysen
Stefan Bruckbauer, Tel. 05 05 05 DW 41951
E-Mail: stefan.bruckbauer@ba-ca.com


 Report Xplicit: The Euro in Eastern Europe