Eingereicht von: Fachhochschule Wiener Neustadt, Bachelorstudiengang Logopädie, Mag. Dr. Doris Muhr
Projektstart: 2014
Kategorie: Kinder/Jugendliche, Integration/Migration
Webseite: http://www.fhwn.ac.at/FHIZ/Logopaedische-Lehr-Forschungspraxis


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Interview mit Mag. Dr. Doris Muhr

„Gewinner des Bank Austria Sozialpreises 2017 in Niederösterreich“: Wie hört sich das an? Was war Ihre erste Reaktion?

Das war eine unglaublich tolle Nachricht für den Studiengang Logopädie der Fachhochschule Wiener Neustadt sowie die gesamte Institution! Als ich den Bescheid mit der Gewinninformation erhielt, konnte ich zuerst gar nicht fassen, dass wir tatsächlich gewonnen haben! Im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen möchte ich mich bei allen, die für unser Projekt abgestimmt haben, sehr herzlich bedanken!!

Wie haben Sie selbst die letzten Wochen und Tage des Votings erlebt?

Das war natürlich eine sehr spannende Zeit, v.a. gegen Ende der Abstimmfrist. Wir haben natürlich gehofft, einen guten Platz zu erreichen, aber der Ausgang war bis zuletzt ungewiss.

Beschreiben Sie bitte noch einmal kurz, was das Besondere an ihrem Projekt ausmacht?

Unser Projekt "Sprachliche Vielfalt: gezielte Förderung mehrsprachiger Kinder in der logopädischen Lehr- und Forschungspraxis der Fachhochschule Wr. Neustadt " widmet sich seit einigen Jahren der Unterstützung von Familien mit Kindern, die massive sprachliche Probleme aufweisen. Ein Großteil dieser Kinder und Jugendlichen hat einen Migrationshintergrund. Die Behandlungen und Begleitung der Probandinnen und Probanden sowie deren Familien erfolgen durch Studierende des Studiengangs Logopädie, unter ständiger Supervision durch Logopädinnen und Logopäden. Diese Behandlungen sind für die Familien unentgeltlich und sollen damit auch Betroffenen aus einfacheren sozialen Verhältnissen einen Zugang zu sprachlicher Förderung ermöglichen. Von dem Projekt profitieren aber nicht nur die Kinder und Jugendliche sondern auch die Logopädiestudierenden, die auf diesem Weg lernen, Behandlungen langfristig zu planen, umzusetzen und zu reflektieren. Es ist also eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Wie werden Sie das Preisgeld von 6.000,- EUR konkret für Ihr Projekt einsetzen?

Der Gewinn wird in dringend benötigte Ausstattung, wie höhenverstellbare ergonomische Behandlungstische und logopädische Test- und Therapiematerialien investiert. Zudem wäre ein weiterer Ausbau der Lehr- und Forschungspraxis wünschenswert, damit wir mehr Behandlungsplätze anbieten können.

Warum ist es aus Ihrer Sicht notwendig, Projekte ins Leben zu rufen, die einen Nutzen für Kinder/Jugendliche/die Gesellschaft stiften?

Gerade der Zugang zu sprachlicher Förderung und Therapie ist ein hoch aktuelles und sehr konfliktbehaftetes Thema. Es gibt viel zu wenige Anlaufstellen und Beratungen für Familien, Wartezeiten auf Behandlungsplätze sind oft lange und Therapien teuer. Dabei wäre es wichtig, dass frühzeitig dort mit Unterstützung angesetzt wird, wo diese nötig ist. Meiner Meinung nach passieren viele Maßnahmen erst viel zu spät und greifen daher auch nicht oder nur sehr unzureichend. Gerade in der sprachlichen Entwicklung muss bei der Förderung und Begleitung bereits im ersten Lebensjahr angesetzt werden und nicht erst im Kindergarten oder gar erst in der Schule. Hier ist noch sehr viel Handlungsspielraum für Verbesserungen, schließlich sind dies Investitionen in die Zukunft unserer Gesellschaft. Unser Projekt soll einen kleinen Beitrag dazu leisten.


Das Projekt

In der logopädischen Behandlungs- und Forschungspraxis an der FH Wiener Neustadt werden seit dem Jahr 2014 regelmäßig Kinder und Jugendliche mit Defiziten in der Sprachentwicklung betreut. Der Großteil der Probandinnen und Probanden hat einen Migrationshintergrund. Die Behandlungen erfolgen durch Studierende unter Supervision durch Logopädinnen und Logopäden. Da die Behandlungen kostenfrei sind, wird Familien aus schwächeren sozialen Verhältnissen der Zugang zur sprachlichen Förderung ermöglicht.

Die Kontakte zu den Kindern und Jugendlichen erfolgen über ein Netzwerk mit sozialpädagogischen Einrichtungen, Schulen und Kindergärten in Wiener Neustadt. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund vor allem aus sozial einfacheren Verhältnissen erhalten einen langfristigen Behandlungsplatz.

Die Eltern haben die Möglichkeit, durch eine Einwegscheibe die Behandlungen zu beobachten. Dies schafft einerseits Transparenz über die Vorgänge im Behandlungsraum, andererseits erfahren die Eltern, wie man sprachliche Aufgaben praktisch umsetzen und auch daheim üben kann.

Das Projekt hat nicht nur einen positiven Effekt bei den Kindern und Jugendlichen, sondern auch bei den Studierenden, da sie lernen Behandlungen langfristig zu planen, umzusetzen und zu reflektieren. Außerdem erhalten die Studierenden die Möglichkeit ihr theoretisches Wissen praktisch umzusetzen. Den Studierenden des Studienlehrgangs Logopädie wird in zwei speziellen Behandlungsräumen das Erlernen und Trainieren logopädischer Behandlungstechniken, unter möglichst realen Bedingungen, ermöglicht.
Das Geld soll dem Bachelorstudiengang zugutekommen und die Fortführung des Projekts soll durch das Preisgeld gesichert werden. Davon würden pro Jahr in etwa 60 Personen profitieren. Ebenfalls ist ein Ausbau logopädischer Projekte innerhalb der Lehr- und Forschungspraxis geplant. Der Bedarf an sprachlicher Förderung steigt enorm durch die Zunahme der sprachlichen Vielfalt vor allem in den städtischen Ballungszentren.

Alle Kinder und Jugendliche haben prinzipiell die Möglichkeit an dem Projekt teilzunehmen, allerdings werden jene bevorzugt, die aus finanziellen Gründen keinen Therapieplatz erhalten. Ebenfalls kann aus Kapazitätsgründen immer nur eine gewisse Anzahl der Probandinnen und Probanden von den Studierenden behandelt werden. Die logopädischen Behandlungen laufen so lange, wie Bedarf ist und enden nicht nach einer bestimmten Anzahl von Einheiten.