08.11.2000

News aus dem Asset Management der Bank Austria:
Ausgang der US-Wahlen noch offen

Pattstellung läßt vieles offen

Nachdem der amerikanische Wahlkampf die Märkte bis jetzt eigentlich nur am Rande beschäftigt hatte (Unternehmensergebnisse waren zuletzt wesentlich wichtiger), ist mit dem heutigen spannenden Finish plötzlich alles anders. Der Ausgang der Wahl ist derzeit offen, relativ gesichert scheint lediglich, dass die Republikaner die Mehrheit im Repräsentantenhaus behalten werden. Sowohl das Rennen um den Senat als auch um das Präsidentenamt selbst sind aber so knapp, dass das Ergebnis noch nicht feststeht.

Vor diesem Hintergrund möchten wir kurz einige Szenarien entwerfen, wie verschiedene mögliche Ergebnisse die Marktsituation in Zukunft beeinflussen könnten:

Bush Sieg brächte positive Impulse für Aktien und Dollar

"Sollte das ursprüngliche Ergebnis halten – Bush gewinnt und die Republikaner übernehmen sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus die Kontrolle – wäre das Szenario positiv für Aktien und den Dollar, aber weniger gut für Staatsanleihen", so Monika Rosen, Bereichsleiterin Research im Asset Management der Bank Austria. Bush gilt als unternehmensfreundlich, was die Aktien begünstigen würde. Sein wirtschaftlicher Berater Lindsey gilt als Gegner jeder Art von Marktintervention, was die Beteiligung der Amerikaner an zukünftigen Interventionen zugunsten des Euro nicht wahrscheinlicher macht. Zusammen mit einem möglicherweise freundlichen Aktienmarkt würde das für einen gut unterstützten Dollar sprechen. Am wenigsten begeistert wäre wohl der Anleihenmarkt, da eine republikanische Kontrolle in allen drei Häusern (beide Kammern des Kongresses und Weißes Haus) möglicherweise zu großzügigen Steuererleichterungen führen könnte. Rosen: "Das schätzt der Bondmarkt nicht sehr, der es lieber sehen würde, wenn der Budgetüberschuß zur Reduzierung der Staatsschulden verwendet würde."

Gore-Sieg: Aktien kurzfristig unter Druck – positiv für Bondmarkt

Sollte Gore das Präsidentenamt gewinnen, und die Republikaner ihre Mehrheit im Kongreß verteidigen, wäre das an sich die Prolongation des Status Quo, d.h. ein demokratischer Präsident und ein republikanischer Kongress stehen einander gegenüber. Vor einem derartigen Szenario hat sich der Börsenboom der letzten Jahre entfaltet, man kann das also nicht wirklich als negativ für den Markt taxieren. Monika Rosen: "Trotzdem könnten in einem solchen Fall zumindest die Aktienmärkte kurzfristig leicht unter Druck kommen, da die Rhetorik von Gore im Wahlkampf nicht unternehmensfreundlich war." Da einige Sektoren bereits einen Sieg von Bush antizipiert haben (v.a. Tabak, Pharma, Rüstung), könnten diese Branchen bei einem Sieg von Gore korrekturgefährdet sein. Außerdem würden dann die Chancen auf eine US Beteiligung bei Interventionen für den Euro wohl eher besser stehen. "Der Bondmarkt würde ein derartiges Szenario auf jeden Fall goutieren, da jede Art von "gridlock" (Pattstellung) die Notwendigkeit von Kompromissen erhöht und somit der Budgetüberschuss vielleicht weniger schnell angegriffen würde, so Rosen weiter.

Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, daß die Demokraten sowohl den Präsidenten stellen als auch die Mehrheit im Senat bekommen. Das ist aus aktueller Sicht zwar nicht sehr wahrscheinlich, würde den Markt aber möglicherweise doch mehr beunruhigen, da dann die demokratische Handschrift (Regulierung, Restriktionen, Sozialprogramme) stärker ausgeprägt würde.

Greenspan bleibt unangetastet

"In jedem Fall sollte die Unsicherheit den Markt eher behindern als beflügeln – die Wall Street liebt normalerweise klare Verhältnisse", analysiert Rosen. Wer immer letztlich gewinnt, das Ergebnis ist denkbar knapp, und so sind in jedem Fall der Kompromiss und die Ausrichtung auf die Mitte gefragt. Das sollte an sich positiv für den Markt sein, der jede Art von Extremen eher ablehnt. Außerdem darf man nicht vergessen, dass Greenspan als Notenbankchef für den Markt sehr wichtig ist – und der steht ja nicht zur Debatte.

Kurz zu den einzelnen Branchen:

Es profitieren von Bush:

Tabak Republikaner stehen Tabak traditionell nahe, Prozeßrisiko für die Branche könnte sinken

Rüstung Republikaner geben eher Geld für Rüstung aus

Pharma Republikaner gegen Preiskontrollen bei Medikamenten (diese würden die Pharmakonzerne in ihrer Preisgestaltung und damit bei den Margen beschneiden)

Rohstoffe Bush gegen Regulierungen, würde mehr Ölförderung, aber auch mehr Abholzen gestatten (pos. für Papierwerte)

Microsoft Bush auch hier gegen zu starke Reglementierung, mit seinem Justizminister ließe sich wahrscheinlich leichter ein Settlement aushandeln

Luxusgüter sollten von den Steuererleichterungen von Bush profitieren, die v.a. den Reichen zugute kommen

Bei einem Sieg von Gore würden die genannten Branchen, die zumindest teilweise einen Sieg von Bush vorweggenommen haben, möglicherweise unter Druck kommen. Gore gilt als technologie-freundlich, aber in dem Sektor sind die Gewinne sicher das alles Entscheidende; und er will öffentliche Aufträge vergeben, sprich es könnten z.B. Maschinenbauer profitieren.

Der Bondmarkt würde eine Pattstellung sicher am liebsten sehen, für den Dollar wäre wohl ein Sieg von Bush am besten.

Monika Rosen abschließend: "Früher oder später wird der Markt aber zu den Fundmentaldaten zurückkehren, und da legt Dell am Donnerstag die Quartalszahlen vor; außerdem steht am 15. 11. die nächste Sitzung der US Notenbank an – und bis vor wenigen Stunden hätte wohl niemand gedacht, dass wir bis dahin möglicherweise noch kein Wahlergebnis haben werden ......."

Rückfragen: Bank Austria Asset Management

Monika Rosen, Tel. 33 147 DW 5404