17.04.2000

Kommt nach dem Gewitter der Aktienfrühling?

  • Nasdaq erlebt größten Wochenverlust aller Zeiten – minus 1000 Punkte oder 25 %
  • Emissionen starten in schwierigem Umfeld
  • Positive Signale vorhanden

Es war ein schwarzer Freitag für die Wall Street, der eine schwarze Woche beendete. Mit 1000 Punkten oder 25 % Gesamtverlust erlebte die Nasdaq die härteste Woche aller Zeiten. Seit Jahresbeginn steht das US Tech-Barometer damit um 18 % im Minus, seit dem Hoch vom 10. März hat die Nasdaq 34 % verloren.

Entgegen den Trends der bisherigen Korrektur konnten sich die klassischen Blue Chips am Freitag der Verkaufswelle auch nicht mehr entziehen. Monika Rosen, Aktienexpertin im Asset Management der Bank Austria: "Der Dow verlor 616 Punkte, aber – und das ist nicht zu unterschätzen – er schloß nicht am Tagestief, das bei minus 722 Punkten lag und in der letzten Handelsstunde erreicht wurde."

Auch in Asien gab es nach letzten Meldungen heftige Kursverluste, aber laut Aussage des Directors of Research of Jardine Fleming in Hongkong keine Panik.

Inflationsdaten in den USA schlechter als erwartet – schnelle Reaktion der Börsen

Auslöser für das Gemetzel vom Freitag waren Inflationsdaten, die schlechter als erwartet ausfielen. Der CPI (Consumer Price Inflation) für März kam mit 0,7 % in der Gesamtrate und 0,4 % in der Kernrate, also ohne Nahrungsmittel und Energie, deutlich über den Erwartungen herein und erwischte die ohnehin schon angeschlagenen Märkte auf dem linken Fuß. Grund für den unerwartet hohen Preisauftrieb waren die um 4,9 % gestiegenen Energiekosten (Ölpreis ging im März auf 30 Dollar!), die sich auch in anderen Bereichen bemerkbar machen. So sind z. B. die Kosten für "Housing", zu denen auch die Hotelpreise gehören, angestiegen. Ebenso sind Transportkosten (Flugpreise!) nach oben gegangen.

Während sich Ökonomen noch uneinig waren, ob die Daten einen einmaligen Ausreißer oder eine Wende zum Schlechteren darstellen, fällte der Markt auf seine Weise ein schnelles und gnadenloses Urteil.

Nächste Schritte von Greenspan mit Spannung erwartet

Man fürchtet nun weitere und möglicherweise aggressive Zinsschritte der Fed. Wobei sich für Greenspan nun ein Dilemma auftut: 1998, mitten in der Russland- und Hedgefondkrise, hatte er dem Aktiencrash mit Zinssenkungen gegengesteuert. "Angesichts des Inflationssignals vom Freitag fürchtet man nun, dass ihm diese "Beruhigungsspritze" nicht mehr zur Verfügung steht" so Rosen. Nächste Fed-Sitzung ist am 16. Mai, an dem auch die Inflationsdaten für April bekanntgegeben werden.

Ungünstige Startbedingungen für T-Online – Emissionskurs von 27 Euro

Diese Bedingungen sind natürlich auch für Neuemissionen alles andere als günstig: Rosen: "In diese Zitterpartie platzt nun zu allem Überfluß die lang erwartete Emission der T-Online: mit einem Emissionskurs von 27 Euro, also nur einem Euro über dem niedrigstmöglichen Kurs, hat man auf das schwierige Umfeld offensichtlich bereits reagiert." Die Telekom will die Emission der T-Online unbedingt zum Erfolg führen, um die zukünftige Expansionsstrategie im Internetbereich via Aktien vorantreiben zu können (Stichwort: developing stock as a currency). Mit der für Mai oder Juni anstehenden Aufnahme in den Nemax 50 sollte für anhaltende Nachfrage nach der Aktie gesorgt sein.

USA: Börsegänge verschoben

In Amerika haben einige Emittenten bereits kalte Füße bekommen – mehr als 10 Unternehmen haben ihren Börsengang verschoben, darunter die ebenfalls lang angekündigte Suchmaschine Alta Vista. "Und noch eine letzte Unternehmensmeldung, die sehr gut in das von uns entworfene Szenario passt, wonach die großen Unternehmen nach und nach das Internet besetzen werden: der Online-Greißler Peapod, der bereits mit massiven Liquiditätsproblemen zu kämpfen hatte, wird vom holländischen Retail-Giganten Ahold für 73 Millionen Dollar mehrheitlich übernommen", ergänzt Aktienexpertin Rosen.

Frühling an den Börsen in Sicht?

Die bange Frage der Anleger lautet nun: ist das Schlimmste damit vorbei und zieht auch an der Börse der Frühling ein? Dazu die Einschätzung von Monika Rosen: "Wenn eine Antwort auch schwierig ist, so gibt es doch ein paar Lichtblicke. Die sogenannte "Advance Decline Line", also die Graphik, die das Verhältnis von Gewinnern zu Verlierern an der New York Stock Exchange darstellt, hat am Freitag ihr Tief von Mitte März erfolgreich getestet, das heißt, nicht unterschritten. Und die Nasdaq hat mit der Korrektur der letzten Wochen de facto den rapiden Anstieg seit letztem Herbst wieder eingebüßt und ist in ihren langfristigen Trendkanal zurückgekehrt."

Rosen weiter: "Wir bleiben also bei unserer Aussage, dass die Korrektur trotz aller Volatilität ein "reinigendes Gewitter" darstellt, das langfristig den Boden für weitere Anstiege bereitet." Die Schwächephase sollte zum Aufbau von Positionen genutzt werden, wobei Timing wie immer eine besondere Schwierigkeit darstellt. Der absolute Tiefpunkt lässt sich ja nur äußerst selten richtig abschätzen. Dennoch: das Asset Management der Bank Austria unterstreicht das Bekenntnis zu erstklassigen Blue Chips und sieht die schlechte Stimmung als Gelegenheit zu einem langfristigen strategischen Einstieg. Aber wie immer raten wir zu Branchenführern bzw. nur zu Top-Qualität.

Monika Rosen abschließend: "Man sich vor Augen halten, dass im Spätsommer / Herbst 1998 die Kurseinbrüche mindestens genau so dramatisch waren wie jetzt, und dass diese schmerzhafte Korrektur den Boden bereitet hat für einen sensationellen Anstieg."

Rückfragen: Bank Austria Asset Management

Monika Rosen, Tel. 33 147 DW 5403