14.10.2011

Bank Austria Konjunkturindikator:
Österreichs Wirtschaft vor dem Stillstand

Starker Rückgang des Bank Austria Konjunkturindikator auf 0,2 Punkte im September weist auf annähernde Stagnation der österreichischen Wirtschaft hin

  • Einbruch des Bank Austria Konjunkturindikators wie zu Beginn der Finanzkrise 2008
  • Stagnation zumindest bis über Jahreswechsel 2011/2012 zu erwarten
  • Inflation beginnt nach Jahreshoch im September zu sinken
  • Reale wirtschaftliche Lage in Österreich deutlich besser als derzeitige Stimmung

Die Abkühlung der Konjunktur gewinnt mit Beginn des Herbsts an Tempo. „Nach dem starken Einbruch des Bank Austria Konjunkturindikators im Vormonat hat sich der Rückgang im September weiter beschleunigt. Mit einem Wert von nur noch 0,2 Punkten weist der aktuelle Indikator darauf hin, dass die österreichische Wirtschaft sich in Kürze am Rande der Stagnation bewegen wird“, meint Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer. Der Indikator war letztmalig bei Ausbruch der Finanzkrise im September 2008 vor genau drei Jahren so stark gesunken, wie in diesem Monat.

Der starke Rückgang im September ist auf eine deutliche Verschlechterung bei allen Teilkomponenten des Bank Austria Konjunkturindikators zurückzuführen. Insbesondere die Stimmung unter den heimischen Konsumenten hat sich besonders stark abgekühlt und liegt derzeit auf gleich tiefem Niveau, wie im August 2009 als die Erholung langsam in die Gänge gekommen war. Auch die Stimmung in der österreichischen Industrie hat im September deutlich abgebaut, ist jedoch zumindest etwas besser als in den meisten anderen Ländern der Eurozone. Doch die Vorgaben aus dem europäischen Umfeld sind ungünstig. Das europäische Industrievertrauen ist auf dem tiefsten Punkt seit Herbst 2009 gesunken. In allen Ländern hat sich die Skepsis im September erheblich erhöht. Zwar ist die Stimmung in einigen mit Österreich stark verbundenen Ländern, wie Deutschland und Frankreich günstiger als im Durchschnitt, insgesamt aber zeigt das mit dem österreichischen Außenhandelsanteilen gewichtete Industrievertrauen seit fast einem Jahr niedrigere Werte als der ungewichtete Durchschnitt für die Eurozone an. „Angesichts der steigenden Verunsicherung im Zusammenhang mit der Verschuldungskrise im Euroraum verschlechterte sich die Stimmung der Verbraucher und der Produzenten im September sehr stark, was den Bank Austria Konjunkturindikator deutlich nach unten gezogen hat“, so Bruckbauer.

Die Verschlechterung des wirtschaftlichen Umfelds in den vergangenen Wochen, die sich in den bisher vorliegenden Indikatoren für das dritte Quartal 2011 widerspiegelt, hat zwischen Juli und September nur noch ein sehr moderates Wirtschaftswachstum in Österreich erlaubt. „Wir gehen davon aus, dass sich die Wirtschaftsdynamik in Österreich von 0,7 Prozent zum Vorquartal im zweiten Quartal 2011 auf magere 0,2 Prozent im dritten Quartal verringert hat“, meint Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl. Ausschlaggebend ist vorrangig die nachlassende Nachfragedynamik aus dem Ausland, die das Produktionswachstum der heimischen Industrie scharf eingebremst hat.

Der Abwärtstrend im Außenhandel und damit verbunden der exportorientierten Industrie wird sich in den kommenden Monaten verstärken. Die Auftragsbücher sind derzeit zwar noch gut gefüllt, den Produktionsbetrieben fehlt es jedoch zunehmend an Neu- und Folgeaufträgen. Die heimische Industrie muss in den kommenden Monaten daher mit einer kurzen Rezessionsphase rechnen. Die Binnenwirtschaft kann den Nachfrageausfall aus dem Ausland nicht kompensieren. Angesichts der gestiegenen Konjunktursorgen wird die Investitionstätigkeit zurückhaltender. Neu- und Erweiterungsinvestitionen werden in unsicherem Umfeld verstärkt aufgeschoben. Das bislang nur moderate Konsumwachstum erhält in den kommenden Monaten keine frischen Impulse. Im Gegenteil die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt kommt mehr und mehr zum Erliegen. „Der fehlende Antrieb aus dem Ausland in Kombination mit den schwachen Aussichten für Investitionen und Konsum bringt die österreichische Wirtschaft gegen Ende 2011 an den Rand der Stagnation. Bei anhaltender Verschlechterung der Rahmenbedingungen ist auch ein leichtes BIP-Minus im Schlussquartal nicht völlig unwahrscheinlich“, meint Pudschedl. Für das Gesamtjahr 2011 erwartet die Bank Austria dank des starken Erholungstempos in der ersten Jahreshälfte ein Wirtschaftswachstum von rund 3 Prozent.

Die schwächere Konjunkturentwicklung hat einen positiven Nebeneffekt. Die Inflation, die im laufenden Jahr deutlich über die Marke von 3 Prozent geklettert ist, wird sich angesichts eines abnehmenden globalen Preisauftriebs bei Rohstoffen verlangsamen. „Bis zum Jahresende wird sich die Inflation vom diesjährigen Höchstwert von 3,6 Prozent im Jahresvergleich im September langsam verringern, jedoch auch in den kommenden Monaten über 3 Prozent liegen. Im Jahresdurchschnitt 2011 wird die Teuerung nach unserer Einschätzung 3,2 Prozent betragen“, meint Bruckbauer. Nach dem Jahreswechsel 2011/2012 wird die Inflation etwas stärker sinken, da die kräftigen Rohstoffpreisanstiege des Vorjahres aus der Berechnung fallen. 2012 wird die Inflationsrate in Österreich mit zumindest 2,2 Prozent im Jahresdurchschnitt weiter über dem EZB-Zielwert liegen, da durch Zweitrundeneffekte, etwa bei Mieten, Energiepreisen und öffentlichen Gebühren ein anhaltender Inflationsdruck bestehen wird.

Die reale wirtschaftliche Lage in Österreich ist deutlich besser als die derzeitige Stimmung in der Wirtschaft. Auch der Bank Austria Konjunkturindikator könnte den bevorstehenden Abwärtstrend deshalb derzeit überzeichnen. Die asiatischen und lateinamerikanischen Schwellenländer weisen trotz Einbussen weiterhin eine hohe Wachstumsdynamik auf. Strukturell gut aufgestellte Exportnationen mit weltweit konkurrenzfähigen Unternehmen, wie Österreich sollten dies weiterhin nutzen können, was positiv auf die Binnenkonjunktur, insbesondere die Investitionsbereitschaft ausstrahlen sollte. Die heimische Wirtschaft ist auf herausfordernde Zeiten gut vorbereitet, da die Kapazitäten nach der Krise nur sehr vorsichtig angepasst wurden und im Durchschnitt über ausreichende finanzielle Handlungsspielräume verfügt wird. „Wir erwarten keinen nachhaltigen Abschwung der Konjunktur wie in der Krise 2008/2009, sofern es gelingt die Verunsicherung infolge der Staatsschuldenkrise in der Eurozone durch eine glaubwürdige und nachhaltige solidarische Lösung einzudämmen. Nach einer Konjunkturdelle mit zwei bis drei schwachen Quartalen rund um den Jahreswechsel 2011/2012 wird sich die Konjunkturerholung daher wieder fortsetzten“, meint Bruckbauer. Die Rahmenbedingungen bleiben allerdings durch die Notwendigkeit der Entschuldung der öffentlichen Haushalte begrenzt. Das Wirtschaftswachstum 2012 bleibt daher mit etwa 1 Prozent auch bei Lösung der aktuellen Probleme niedrig.

 Tabellen (PDF; 122 KB)


Rückfragen: Bank Austria Economics & Market Analysis Austria
Walter Pudschedl, Tel. +43 (0) 50505 - 41957;
E-Mail: walter.pudschedl@unicreditgroup.at 

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