23.11.2010

Bosnierin Azra Nuhefendic gewinnt "Writing for CEE 2010"

  • Reportage über Wiederaufnahme der Zugverbindung Belgrad-Sarajevo ausgezeichnet
  • Pavel Kohout berichtet über sein Leben zwischen Hitler, Stalin und Havel

Die bosnische Autorin Azra Nuhefendic ist die Gewinnerin des europäischen Journalistenpreises "Writing for CEE 2010". Die seit 1995 in Italien lebende Journalistin erhielt Montagabend in Wien die mit 5.000 Euro dotierte und bereits zum siebenten Mal von der Austria Presse Agentur und der Bank Austria vergebene Auszeichnung für ihre Reportage "Der Zug", in der sie ihre Erfahrungen bei einer Zugfahrt von Belgrad in die bosnische Hauptstadt Sarajevo beschreibt. Diesjähriger Gastredner bei der Preisverleihung war der Schriftsteller und ehemalige CSSR-Dissident ("Charta 77") Pavel Kohout, der jüngst seine Autobiografie "Mein tolles Leben mit Hitler, Stalin und Havel" veröffentlichte.

Ausgangspunkt der Reportage von Azra Nuhefendic ist die Wiedereröffnung der Bahnlinie zwischen Belgrad und Sarajevo, die seit Beginn des Bosnien-Kriegs (1992 bis 1995) unterbrochen war. "Nach 18 Jahren fährt wieder eine Lokomotive mit drei Waggons: Einer stammt aus der Republika Srpska, einer aus der Föderation Bosnien-Herzegowina und ein dritter aus Serbien." Die Wiederaufnahme dieser Zugverbindung steckt voller Symbolkraft. Sie dient Nuhefendic als Stilmittel, um sich dem blutigen Zerfall des Vielvölkerstaats der Südslawen und der damit verbundenen schleichenden Genese des interethnischen Hasses anzunähern.
Dahinter stecke auch eine "Konstruktion des Anderen", wie Nuhefendic in ihrer Dankesrede sagte. Sie spannte einen Bogen von der selbst erlebten Geschichte Ex-Jugoslawiens bis in die Gegenwart. Als in ihrer damaligen Heimat die ersten Vorboten des Krieges deutlich wurden, lebte die in Sarajevo geborene Bosniakin in Belgrad. Obwohl sie selbst ihren Glauben als Muslimin nicht praktizierte, wurde er zunehmend zu jener Kategorie, die sie zur "Anderen" machte, erinnerte sich die Autorin. Zu Beginn der 1990er Jahren habe die politische Instrumentalisierung nationalistischer Gefühle dann zur Kriegsvorbereitung geführt.
Um zu erklären, wie unerklärlich das "Anderssein" manchmal ist, griff Nuhefendic auf Beispiele aus der jüngeren Weltgeschichte zurück: "Ich werde oft gefragt, was den Unterschied zwischen den Menschen in Ex-Jugoslawien ausmacht, wie man erkennen kann, wer wer ist? Es braucht aber keinen offensichtlichen oder versteckten Unterschied, um 'das Andere' zu konstruieren. Für mich als Europäerin sehen Inder und Pakistani gleich aus. Dabei sind sie schon fast ein Jahrhundert lang verfeindet."

Azra Nuhefendic lebt heute in Triest. Sie arbeitet für verschiedene Medien und wurde mehrfach für Artikel und Reportagen aus und über Südosteuropa ausgezeichnet. Der Journalistenpreis "Writing for CEE" soll über alle Landesgrenzen hinweg zur journalistischen Auseinandersetzung mit Fragen Europas und der europäischen Integration einladen.

"Die Zukunft Europas hängt ganz wesentlich davon ab, wie rasch, aber auch wie nachhaltig unser Heimatkontinent weiter zusammenrückt. Und wie sehr die einzelnen Nationalstaaten auch in Zukunft bereit sind, für das gemeinsame Ganze über ihren eigenen Schatten zu springen", sagte Bank Austria Vorstandsvorsitzender Willibald Cernko bei der Preisverleihung, "Die Medien und Journalisten spielen dabei eine ganz wichtige Rolle. Denn die Erfahrung lehrt, dass Grenzen viel schneller von Landkarten verschwinden als aus den Köpfen!"
In die Liste der Preisträger haben sich bisher der tschechische Journalist Lubos Palata (2004), die bulgarische Schriftstellerin Diana Ivanova (2005), der bosnische Journalist Sefik Dautbegovic (2006), der österreichische Schriftsteller Martin Leidenfrost (2007), die in Griechenland geborene und in Deutschland aufgewachsene Radiojournalistin Anna Koktsidou (2008) sowie im Vorjahr der österreichische "Enthüllungsjournalist" Florian Klenk eingetragen.
Mitglieder der in wechselnder Zusammensetzung tagenden Jury sind u.a. der tschechische Kommunikationswissenschafter Milan Smid, der slowakische Publizist Michael Berko, die Kommunikationsberaterin Ildiko Füredi-Kolarik, der slowenische Schriftsteller Joze Hudecek, die polnischen Journalisten Igor Janke und Pawel Bravo, der tschechische Ex-Präsidentenberater Jiri Pehe, die ungarische Radio-Journalistin Julia Varadi, die bulgarische Schriftstellerin Janina Dragostinova, die Kommunikationsberaterin Silvana Lins sowie als Jurysprecher APA-Außenpolitikchef Ambros Kindel.
Der diesjährige Siegertext von Azra Nuhefendic und weitere herausragende Artikel über die Europäische Integration sind unter http://www.apa.at/cee-award/ im Internet abrufbar. Ebenfalls auf dieser Website finden Sie reprofähige Fotos der Preisverleihung "Writing for CEE 2010". Der Abdruck der Bilder ist kostenlos.

Diese Presseaussendung ist auch unter www.bankaustria.at online verfügbar.

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Rückfragen: Bank Austria Pressestelle CEE 
Tiemon Kiesenhofer, Tel. +43 (0) 50505-56036 
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