12.08.2010

Branchenbericht der Bank Austria Volkswirtschaft:
Chemieindustrie gewinnt nach Krisenjahr wieder an Stabilität

  • 2009 schrumpft die Produktion um 11 Prozent, Branchenumsatz sinkt um 17 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro
  • Verhaltener Aufschwung 2010: erstes Halbjahr geprägt von hohem Produktionswachstum, rückläufigen Beschäftigungszahlen und uneindeutiger Preisentwicklung
  • Chemie beweist in vielen Bereichen ihre Wettbewerbsstärke

2009 war für Österreichs Chemische Industrie ohne Zweifel eines der verlustreichsten Wirtschaftsjahre. So schrumpfte die Produktion um 11 Prozent, der Branchenumsatz reduzierte sich um 17 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro. Im Vergleich zu anderen exportintensiven Branchen ist die Chemiekonjunktur mit diesen Werten jedoch noch glimpflich davongekommen. Das geht aus einer aktuellen Analyse der Bank Austria Volkswirtschaft hervor. Die Erholung 2010 bleibt indes verhalten. Zwar wird die Chemische Industrie ihrer Rolle als ein Vorläufer im Konjunkturzyklus schon seit Monaten wieder gerecht. Im Jahresdurchschnitt sollte der Branche ein Produktionsplus von wenigstens 6 Prozent bleiben, doch ihre Umsatzeinbußen von insgesamt 1,4 Milliarden Euro aus dem Vorjahr wird sie frühestens 2012 ausgleichen können.

Die Erzeugerpreise in der Chemie haben im Branchendurchschnitt im Mai 2010 wieder ihr Vor-Rezessionsniveau aus Mitte 2008 erreicht. Maßgeblich für diese Preishausse waren die hohen Preissteigerungen bei Kunststoffen, während Reinigungsmittel und Kosmetika nur geringfügig teurer und technische Chemikalien sogar um 8 Prozent billiger geworden sind. "Die Kunststoffkonjunktur hat den kurzen aber heftigen Abschwung längst überwunden. Der steile Anstieg der Produktpreise seit Ende 2009 deutet darauf hin, dass sowohl die Hersteller als auch die Verarbeiter ihre Rohstofflager wieder aufgefüllt haben", sagt Bank Austria Ökonom Günter Wolf. Im Vorfeld ist der Preis für Naphta - das Erdölderivat ist der zentrale Rohstoff der Kunststoff- und Chemieerzeugung - massiv gestiegen. Die Kostensteigerungen haben dann die Kunststofferzeuger etwas verzögert an ihre Kunden weitergegeben.

Mit Ausnahme des Kunststoffbereichs zeichnete sich im ersten Halbjahr 2010 noch kein eindeutig positives Branchenbild für die Chemische Industrie ab. Einerseits signalisieren die Zuwächse der Produktionsleistung von durchschnittlich 5 Prozent bis Mai eine stabile Nachfrageentwicklung, andererseits sind die uneindeutige Preisentwicklung und das Beschäftigungsminus von 1,4 Prozent im ersten Halbjahr noch Ausdruck der Unsicherheit im Markt.

Ihre Zukunft hat Österreichs Chemieindustrie auf der Basis einer wertschöpfungsintensiven Produktpalette und der sukzessiven Verbesserung ihrer Produktivität abgesichert. In den letzten zehn Jahren beispielsweise ist der Output pro Arbeitsstunde bei Österreichs Chemie etwa dreimal rascher als im europäischen Durchschnitt gestiegen. Gleichzeitig ist aber die Zahl der Beschäftigten der Branche um weniger als 10 Prozent, im EU-Durchschnitt aber um mehr als 20 Prozent gesunken. "Auch wenn die Wachstumsperspektiven der österreichischen Chemieindustrie im Vergleich zu einigen spezialisierten Chemiestandorten eingeschränkt sind, wird die Branche ihre starke Wettbewerbsposition auch in Zukunft erfolgreich verteidigen", ist Branchenanalyst Günter Wolf überzeugt.

Die Entwicklung der Außenhandelsbilanz unterstreicht einerseits die Konkurrenzfähigkeit der Branche, zeigt andererseits auch deutlich die Problembereiche wie den gestiegenen Preisdruck und die fehlenden Produktionskapazitäten in einigen Produktbereichen auf. In Summe ist das Außenhandelsdefizit mit Chemieprodukten von 1 Milliarde Euro Mitte der 90er Jahre bis auf 1,5 Milliarden Euro 2005 gestiegen und verbessert sich seitdem; 2009 ist das Minus wieder deutlich unter die 1 Milliarde-Euro-Marke gerutscht. Österreichs Chemieindustrie ist eine expansive Branche mit hohen Export- und Importwachstumsraten, die in verstärktem Ausmaß auf kostengünstigere Grundstoffimporte vor allem aus Osteuropa zurückgreift und zudem in einigen konsumnahen Bereichen aufgrund zu geringer Produktionskapazitäten im Inland die stark gestiegene Nachfrage mit Importen deckt.

Rückfragen: Bank Austria Pressestelle Österreich
 Tiemon Kiesenhofer, Tel. +43 (0) 50505 - 52819
  E-Mail: tiemon.kiesenhofer@unicreditgroup.at

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