26.04.2010

Bank Austria Analyse:
Griechenland nur Teil des Ungleichgewichts im Euroraum

  • Einige Länder konsumieren zu viel, andere zu wenig
  • Starkes Lohn- und Kreditwachstum trug massiv zu Ungleichgewicht bei
  • Defizitländer wie Griechenland haben anderen zu Überschüssen und Wachstum über Export verholfen
  • Austritt keine Option, stattdessen ist eine deutliche Reform des Euroraums notwendig

Eine aktuelle Analyse der Bank Austria zeigt, dass das Problem rund um Griechenland nur ein Höhepunkt eines sich über die Jahre aufgebauten Ungleichgewichtes im Euroraum ist. "Einige konsumieren zu viel, andere konsumieren zu wenig. Beide haben sich prächtig ergänzt, bis die Rechnung präsentiert wurde", fasst Stefan Bruckbauer, Chefvolkswirt der Bank Austria, das Ergebnis zusammen. Die Analyse, die in der Reihe "Bank Austria Report" erschienen ist, macht deutlich, dass hinter den Problemen rund um Griechenland mehr steckt als nur gefälschte Statistiken. Daher führten auch die Probleme rund um hohe Verschuldung Griechenlands in den letzten Monaten zur größten Krise des Euroraumes seit seinem Bestehen. Der Austritt des Landes am Peleponnes aus dem Euroraum ist indes keine Option für die Ökonomen der Bank Austria, vielmehr braucht es eine grundlegende Reform der Währungsunion.

Wesentliche Voraussetzung, dass eine Währungsunion funktioniert, ist eine koordinierte Wirtschaftspolitik. Diese gibt es im Euroraum jedoch nur bei der Geldpolitik, bei der Fiskalpolitik hat man sich nur auf das Wesentlichste geeinigt, den Stabilitäts- und Wachstumspakt, jedoch auch dieser hat nicht funktioniert. So entwickelten sich die Länder des Euroraumes sehr unterschiedlich. Die Analyse der Bank Austria zeigt, dass des Konsumwachstum seit 2000 in Griechenland 74 Prozent betrug, in Deutschland im gleichen Zeitraum jedoch nur 16 Prozent. Österreich lag mit 31 Prozent in der Mitte. Ähnlich hoch wie in Griechenland war das Konsumwachstum in Spanien mit 66 Prozent.

Dahinter stehen sehr unterschiedliche Lohnentwicklungen in den einzelnen Ländern. Die Löhne pro Beschäftigten stiegen in Griechenland seit 2000 um rund 50 Prozent, in Deutschland um knapp 10 Prozent. Mit rund 25 Prozent lag Österreich auch hier im Mittelfeld. "Mit einem fünfmal so starken Lohnanstieg wie in Deutschland verlor Griechenland deutlich an Wettbewerbsfähigkeit, was schlussendlich ein kumuliertes Leistungsbilanzdefizit von 85 Prozent des BIP seit 2000 ergab", so Bruckbauer, "Deutschland gelang ein Leistungsbilanzüberschuss von 39 Prozent des BIP im selben Zeitraum." Portugal mit 82 Prozent minus und Spanien mit 57 Prozent erreichten ähnliche Werte wie Griechenland. Österreich wiederum konnte einen Überschuss von rund 20 Prozent erzielen.

Die Analyse der Ökonomen der Bank Austria zeigt, dass die aus dem unterschiedlichen Wachstum resultierenden Ungleichgewichte in den Leistungsbilanzen auch für den österreichischen Außenhandel im Euroraum gelten. So erreichte Österreich mit Griechenland einen Überschuss von immerhin rund 4 Milliarden Euro bzw. 2,1 Prozent des griechischen BIP kumuliert seit 2000. Ähnliches gelang auch mit Spanien. Umgekehrt war es mit dem konsumschwachen Deutschland. Hier musste Österreich ein Defizit von immerhin fast 100 Milliarden Euro hinnehmen, rund 4,5 Prozent des deutschen BIP.

Zusätzlich zur unterschiedlichen Einkommensentwicklung trug auch die Verschuldungsdynamik zum Ungleichgewicht bei, wobei nicht nur der Staat dafür verantwortlich war. So stiegen in Griechenland die Schulden von Staat, privaten Haushalten und Firmen seit 2000 um über 150 Prozent, wobei jeder Sektor zirka ein Drittel dazu beitrug. Und auch hier stellt Deutschland die Gegenposition dar. Seine Verschuldung stieg im selben Zeitraum um lediglich 24 Prozent, wobei die privaten Haushalte ihre Verschuldung in zehn Jahren konstant hielten. Erneut nimmt Österreich eine mittlere Position ein; die Verschuldung stieg hierzulande um rund 45 Prozent, bei den Firmen etwas stärker als bei Haushalten und Staat.

Dieses Ungleichgewicht wäre ohne Euro deutlich früher aufgelöst worden, manche Länder hätten ab-, andere aufgewertet und auch die Zinsen wären wohl in den Defizitländern stärker gestiegen und hätten die Verschuldung gebremst. Gleichzeitig hätte dies aber auch die Möglichkeit für die Überschussländer, Wachstum praktisch nur im Ausland zu finden, deutlich eingeschränkt. "Der Euro trug in den letzten zehn Jahren wesentlich dazu bei, dass manche Länder zu viel, andere zu wenig konsumierten", sagt Bruckbauer, "Jetzt trägt der Euro dazu bei, dass das Ungleichgewicht deutlich schwerer aufzulösen ist." Normalerweise müsste Griechenland abwerten, was aber nicht geht.

Der Austritt des Eurolandes als Konsequenz aus der griechischen Tragödie ist für Bruckbauer keine Option, da er die Währungsunion an den Rand ihrer Existenz bringen würde. Der größte Vorteil des Euro sei, dass er das Wechselkursrisiko zwischen den einzelnen Mitgliedsländern ausgeschaltet habe und der überwiege alle momentanen Schwierigkeiten. Ohne den Euro müssten alle EU-Länder eine noch restriktivere Fiskalpolitik in den nächsten Jahren betreiben als ohnehin zu erwarten ist. Mittelfristig muss die Währungsunion, so die Ökonomen der Bank Austria, auch eine verbindliche wirtschaftspolitische Koordination erreichen, um den offensichtlichen Systemfehler zu korrigieren.

Rückfragen: Bank Austria Economics & Market Analysis Austria
Stefan Bruckbauer, Tel. +43 (0) 50505 - 41951
E-Mail: stefan.bruckbauer@unicreditgroup.at

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