09.02.2018

Branchenbericht der UniCredit Bank Austria:
Kfz-Industrie beschleunigte im zweiten Halbjahr 2017 zu Produktionsplus

  • Die Kfz-Industrie beendete 2017 mit einem Produktionsplus von vorläufig 2 Prozent und mit einem um 4 Prozent höheren Umsatz von rund 16 Milliarden Euro
  • Steigende Produktionszahlen und weitere Nachfragezuwächse von der deutschen Autoindustrie sorgen auch 2018 und 2019 für stärkere Zuwächse
  • Die langfristig guten Außenhandelsergebnisse belegen die Konkurrenzfähigkeit und Innovationskraft der heimischen Kfz-Industrie

Österreichs Kfz-Industrie konnte 2017 die Produktionseinbußen der ersten Jahreshälfte ausgleichen und das Jahr mit einem Produktionsplus von vorläufig 2 Prozent beenden. Der Branchenumsatz stieg um etwa 4 Prozent auf rund 16 Milliarden Euro. „Angetrieben von den stark gestiegenen Auftragseingängen einzelner Unternehmen und weiterer Nachfragezuwächse vor allem von Seiten deutscher Hersteller sollte die Kfz-Industrie wieder zum Wachstumsmotor der heimischen Industrie werden“, analysiert UniCredit Ökonom Günter Wolf.

Kurze Wachstumsbremse 2017 wird 2018 wieder aufgeholt
2017 konnte sich Österreichs Kfz-Industrie der Verlangsamung der Autoproduktion in Europa, die für einen wesentlichen Teil der Nachfrage der heimischen Zulieferer verantwortlich ist, nicht ganz entziehen. Die Branche hat besonders unter den rückläufigen Absatzzahlen von Dieselfahrzeugen in Europa gelitten. Bis Oktober 2017 sind die Exporte von Kfz-Motoren und Motorteilen um 2,2 Prozent gesunken. Das Minus, das großteils vom Exportrückgang mit Dieselmotoren von fast 10 Prozent stammt, konnte durch die Exportzuwächse mit Ottomotoren nur zum Teil ausgeglichen werden. Hochgerechnet auf das Gesamtjahr wurden 2017 Kfz-Motoren und Motorteile im Wert von 4,8 Milliarden Euro exportiert, davon Dieselmotoren im Wert von 2,2 Milliarden Euro.

„Die heimische Kfz-Industrie erzielte 2017 trotz der Nachfrageausfälle bei Dieselfahrzeugen bis Oktober einen Exportzuwachs von über 6 Prozent. Damit lag das Ergebnis über dem langjährigen Durchschnitt von plus 5 Prozent der letzten zwanzig Jahre. Darüber hinaus ist dieser Exportzuwachs ein weiterer Beleg der hohen Konkurrenzfähigkeit der Branche“, sagt Wolf. Die höheren Exporteinnahmen wurden mit sonstigen Kfz-Teilen und fertigen Kraftfahrzeugen erzielt, die, hochgerechnet auf das Gesamtjahr 2017, in Summe rund 11,6 Milliarden Euro zur österreichischen Exportrechnung beitrugen.

Die Aussichten für die Autoindustrie für die nächsten Jahre sind in allen großen westlichen Herstellerländern gedämpft, wobei sich die Zuwächse der Autoproduktion in Westeuropa von durchschnittlich 3 Prozent in den letzten vier Jahren auf durchschnittlich 1 Prozent im Jahr verringern werden. Der Verband der deutschen Autoindustrie rechnet für seine Mitgliedsunternehmen zumindest 2018 noch mit einem Produktionsplus von 2 Prozent, die Premiumhersteller zum Teil mit deutlich höheren Wachstumsraten.

Entgegen dem westeuropäischen Trend in der Kfz-Erzeugung sollte sich das Branchenwachstum in Österreich 2018 beschleunigen. Dafür spricht das Naheverhältnis zur relativ erfolgreichen deutschen Branche und vor allem das sehr hohe Beschäftigungsplus von 11,5 Prozent 2017 auf rund 36.000 Beschäftigte zu Jahresende. Die stark gestiegene Zahl neuer Arbeitsplätze ist vor allem dem Kapazitätsausbau einzelner Unternehmen geschuldet und ein Hinweis auf gefüllte Auftragsbücher sowie einen bevorstehenden Produktionsanstieg in der Pkw-Erzeugung. Die Kfz-Industrie sollte 2018 wieder ihre Wachstumsvorreiterrolle in der Industrie übernehmen.

Kfz-Zulieferstandort Österreich ist gut positioniert
Die bevorstehenden Veränderungen in der Autoindustrie werden an der heimischen Branche nicht spurlos vorübergehen. Auf längere Sicht sind vor allem Jobs in der Herstellung von Dieselantrieben gefährdet und kurzfristig bedroht ein „harter“ Brexit aufgrund möglicher Absatzeinbußen in Großbritannien und steigender Kosten infolge von Importzöllen die Autoindustrie in Deutschland und damit indirekt auch in Österreich. Letztendlich werden die Autohersteller und ihre Tier-1-Zulieferer in Europa aufgrund vorhandener Überschusskapazitäten vermutlich noch einzelne Werke schließen. Dennoch sind tiefe Einschnitte mit stärkeren Arbeitsplatzverlusten in der deutschen beziehungsweise österreichischen Kfz-Industrie unwahrscheinlich. Beide Branchen sollten sich auch in Zukunft mit neuen Modellen und technischen Innovationen, wie der Umrüstung ihrer Flotte auf alternative Antriebe, eine wirtschaftlich nachhaltige Auslastung sichern können.

Grundsätzlich sind die Perspektiven von Kfz-Zulieferern positiv, da sie den Fahrzeugherstellern Kostensparpotenziale vor allem über Skalenerträge eröffnen, die besonders im Premiumsegment aufgrund kleinerer Produktionszahlen schwer zu realisieren sind. Zudem wachsen mit dem Innovationsdruck die Ausgaben für Forschung und Produktentwicklung, weshalb die Autohersteller wahrscheinlich noch mehr Produktionsschritte an ihre Produktionspartner abgeben werden.

Österreichs Kfz-Industrie beweist mit den langfristigen Erfolgen im Export ihre Wettbewerbsstärke. „Obwohl in Österreich kein Autohersteller angesiedelt ist, konnten mit den Exporteinnahmen der Kfz-Industrie von 2002 bis 2015 die Kfz-Importrechnung vollständig gedeckt werden. Erst in den letzten zwei Jahren ist die Bilanz aufgrund der stark gestiegenen Autoimporte wieder ins Minus gerutscht. Auf Basis der Zahlen der ersten zehn Monate wurden 2017 Kfz und Kfz-Teile im Wert von 16,4 Milliarden Euro aus Österreich exportiert und um 17,6 Milliarden Euro importiert“, sagt Wolf.

Die Stärke der Branche beruht auf ihrem Produktivitätsvorsprung im europäischen Branchenumfeld. Die Unternehmen können damit die Belastung durch den hohen Personalaufwand kompensieren. Ein Arbeitsplatz kostet in der Kfz-Industrie in Österreich im Durchschnitt 63.000 Euro, im EU-Schnitt nur 51.000 Euro. Den Produktivitätsvorsprung sichern sich die Unternehmen mit hohen Innovationsausgaben. Österreichs Kfz-Industrie zählt seit Jahren zu den innovativsten in Europa, gemessen daran, dass drei Viertel der Unternehmen im Sinne der Europäischen Innovationserhebung „innovationsaktiv“ sind. Eine Grundlage ihrer Innovationskraft sind überdurchschnittlich hohe Forschungsausgaben von im Schnitt 3,5 Prozent des Umsatzes. Im europäischen Vergleich sind es 3 Prozent.

Rückfragen: UniCredit Bank Austria Economics & Market Analysis Austria
Günter Wolf, Tel.: +43 (0) 5 05 05-41954;
E-Mail: guenter.wolf@unicreditgroup.at