09.01.2007

BA-CA Analyse: Trotz hoher Abhängigkeit nur geringe Engpässe

  • Russisch-Weißrussischer Ölkonflikt beeinträchtigt EU-Länder kaum
  • Dank strategischer Reserven sind EU-Länder gut vorbereitet

Der aktuelle russisch-weißrussische Ölkonflikt wird in den EU-Ländern nur geringe Engpässe auslösen, zu diesem Schluss kommen Ökonomen der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA), Mitglied der UniCredit Group.

Trotz der hohen Abhängigkeit einzelner Länder von den russischen Lieferungen, dürften sie dank der vorhandenen Reserven (siehe Tabelle 1) wenig beeinträchtigt werden. Auch im Falle einer längeren Dauer (über einige Wochen) des Konflikts – angesichts der hohen Kosten für beide Seiten unwahrscheinlich – werden sich die Auswirkungen in Grenzen halten.

Sowohl Deutschland als auch die Länder Zentral- und Osteuropas verfügen über zwei bis drei Monate an strategischen Reserven, die allerdings erst mobilisiert werden müssten. Auch Österreichs Reserve reicht für 90 Tage. Allenfalls könnten manche Raffinerien, oder Gebiete zeitweilig betroffen sein.

Der aktuelle Anlass erinnert die Länder Europas aber wieder an die hohe Abhängigkeit der Energieversorgung von Russland: Die EU importierte 2005 18 Prozent ihres primären Erdgasverbrauchs aus Russland. Für einzelne Länder ist die Abhängigkeit aber wesentlich höher. Gas aus Russland deckt 100 Prozent des slowakischen und des finnischen Verbrauchs, 84 Prozent des griechischen, 75 Prozent des tschechischen und 65 Prozent des österreichischen, 64 Prozent des türkischen und 59 Prozent des ungarischen Verbrauchs ab. Auch für so wichtige Länder wie Deutschland und Italien sind es immerhin noch 38 Prozent bzw. 27 Prozent, Tendenz deutlich steigend.

Bei Erdöl importierte die EU 2005 rund 27 Prozent ihres Primärverbrauch aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

Tabelle 1: Sicherheitsreserven, in Tagen

 

Tage

Ungarn

111

Tschechien

99

Slowenien

90

Litauen

80

Slowakei

74

Polen

67

Lettland

47

Estland

40

Österreich

90

Quelle: EU, GD Energie

Tabelle 2 zeigt, dass auch für Erdöl die Abhängigkeit im zentralen Teil und im Osten des Kontinents aber viel höher ist.

Tabelle 2: Importabhängigkeit bei Öl, 2005

Land1

Inl. Deckung2

Importe in 103 Tonnen

von OPEC3

von Ex-SU3

Slowakei

0,6%

5.377

0,0%

104,8%

Polen

4,7%

17.912

0,0%

98,1%

Tschechien

4,0%

7.736

5,1%

94,2%

Ungarn

13,4%

6.451

0,0%

93,1%

Finnland

0,0%

9.697

0,0%

79,8%

Österreich

9,8%

7.715

36,5%

46,1%

Belgien

0,0%

31.964

35,2%

41,9%

Deutschland

3,0%

112.313

22,2%

40,5%

Schweden

0,0%

20.098

8,9%

35,3%

Griechenland

0,5%

18.699

67,8%

32,7%

Niederlande

2,8%

52.307

44,0%

31,0%

Türkei

8,7%

23.389

61,2%

27,6%

Italien

6,5%

89.492

59,9%

26,1%

Frankreich

1,3%

84.270

40,2%

23,1%

Spanien

0,3%

59.544

51,5%

15,8%

EU-15

18,1%

554.789

35,2%

27,1%

USA

32,6%

535.478

33,6%

1,3%

Japan

0,2%

209.324

92,7%

0,7%

1 Länder mit einem Importanteil der Länder der früheren Sowjetunion von mehr als 15%, 
2 Inlandsproduktion in % des Inlandverbrauchs 
3
Importe in % des Inlandsverbrauchs

Quelle: IEA / Oil Information 2006, OMV, BA-CA Research CEE

Hintergrund des Konflikts
Am 8. Dezember 2006 beschloss die russische Regierung die Ausnahme für Belarus zu streichen und auch für Ölexport dorthin einen Exportzoll von 180,7 USD per Tonne Öl einzuführen. Dadurch stieg der Einfuhrpreis für Belarus um diesen Betrag auf 247,5 USD per Tonne. Im Gegenzug führte Belarus eine Transitgebühr für russisches Öl von 45 USD per Tonne ein. Bei rund 80 Mio. Tonnen Öltransit im Jahr und einem weißrussischen Verbrauch von rund 20 Mio. Tonnen im Jahr gleichen sich die zu bezahlenden und die erwirtschafteten Mehrbeträge für Belarus ungefähr aus.

Die russische Seite erklärte sich zu dieser Zahlung nicht bereit, was letztlich unter wechselseitigen Beschuldigungen zu einem Lieferausfall über die Druschba-Pipeline führte. Für Russland sind Energieerzeugung und der -export entscheidend für seine Zukunft als Wirtschafts- und als Weltmacht. Der Investitionsbedarf, damit Russland auch in Zukunft sowohl den steigenden Inlandsbedarf befriedigen kann, als auch ein bedeutender Lieferant ans Ausland bleiben kann, ist gewaltig. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass die erforderliche Investitionssumme für die Welt insgesamt bis 2030 rund 7300 Mrd. USD beträgt. Für Russland allein sind es 1200 Mrd. USD, wovon jeweils etwas mehr als ein Drittel in den Öl- und in den Gassektor fließen soll.
„Russland kann sich am Weg zur Energie-Supermacht Preisnachlässe einfach nicht leisten“, sagt Hans Holzhacker vom CEE Research der Bank Austria Creditanstalt. 

Wie es im russischen Energiesektor weitergeht, ob sich die Rivalität und Konkurrenz verschärft oder ob es zu einer nationalen Konsolidierung kommt, ist eine der spannenden Fragen, die wohl von den Präsidentenwahlen Anfang 2008 entschieden wird. Der Ausgang wird Rückwirkungen darauf haben, mit wem Europa zu verhandeln hat: mit einzelnen Energiefirmen oder mit einem Superkonglomerat, das den russischen Gas, Öl und auch Stromsektor monopolisiert. Die Energiefrage bleibt heiß für Europa.

Rückfragen: Bank Austria Creditanstalt,  International Press Relations
Silvia Stefan, Tel. +43 (0) 50505-57126
E-Mail: silvia.stefan@ba-ca.com