11.05.2006

Zuwachs für die Euro-Familie

Slowenien ab 2007 in der Eurozone
Zu hohe Inflation verzögert Einführung im Baltikum bis 2009
Wachsende Euro-Zurückhaltung unter den größeren neuen EU-Mitgliedern

Slowenien und Litauen haben im März einen Antrag auf Bewertung der Euro-Reife gestellt. Mitte Mai wird die EU-Kommission und die Europäische Zentralbank ihre Beurteilungen, die für die Entscheidung des Ecofin-Rats (EU-Finanzminister) Anfang Juni und des EU-Rats der Staatschefs Ende Juni vorentscheidend sein werden, veröffentlichen. Nach Einschätzung der Bank Austria Creditanstalt ist zu Beginn 2007 mit Zuwachs für die Euro-Familie zu rechnen. „Wir gehen davon aus, dass Slowenien eine positive Bewertung erhält. Für Litauen dürfte es dagegen aufgrund der etwas zu hohen Inflation nicht reichen“, meint Marianne Kager, Chefökonomin der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA).

Slowenien erfüllt alle erforderlichen Kriterien für die Aufnahme in die Eurozone (siehe Tabelle): Die Neuverschuldung liegt unter 3 Prozent des BIP, die erlaubte öffentliche Gesamtverschuldung von 60 Prozent des BIP wird deutlich unterschritten und die langfristigen Zinsen liegen unter 5,3 Prozent1). Auch der Wechselkurs ist stabil. Der slowenische Tolar hat die maximal erlaubte Schwankungsbreite von +/-15 Prozent zur Euro-Parität bisher problemlos eingehalten. Das Kriterium einer mindestens zweijährigen Teilnahme am Wechselkursmechanismus WKM II, dem „Wartezimmer zur Eurozone“, wird Ende Juni 2006 erfüllt sein. Die Einhaltung des Inflationskriteriums, das derzeit bei 2,6% 2) liegt, war am Weg zum Euro die größte wirtschaftspolitische Herausforderung, die mit gut koordinierten Maßnahmen der Zentralbank und der Regierung gemeistert werden konnte.

Balten könnten vorerst an der Inflation scheitern
Litauen hat dagegen gemäß der strengen Auslegung der Maastrichtbestimmungen das Inflationskriterium nur äußerst knapp verfehlt. Trotz einer fünfmal höheren Wirtschaftsdynamik als in der Eurozone - der BIP-Anstieg betrug 2005 in Litauen 7,5 Prozent – liegt die Inflation aktuell nur um 0,4 Prozentpunkte über dem Durchschnitt in den Euroländern. Zweifel an der Nachhaltigkeit der erreichten Preisstabilität dürften jedoch den endgültigen Ausschlag für eine negative Beurteilung der Euro-Reife geben.

Auch Estland, das die Übernahme des Euros ursprünglich zu Beginn 2007 geplant hatte und vorerst aber von einem Antrag abgesehen hat, weist zu hohe Inflationswerte auf. Angesichts der anhaltend hohen Wachstumsdynamik und des damit verbundenen Inflationsdrucks ist für Estland und Litauen nach Einschätzung der Bank Austria Creditanstalt nun eine mehrjährige Wartezeit nicht auszuschließen. Nach dem mittlerweile auch für Lettland das anvisierte Beitrittsjahr 2008 aufgrund des Inflationsverlaufs wenig realistisch erscheint, ist ein gemeinsamer Eintritt aller drei baltischen Länder in die Eurozone frühestens im Jahr 2009 eine denkbare Option. Dann könnte auch die Slowakei, die seit Ende 2005 am Wechselkursmechanismus des WKM II teilnimmt, für den Euro bereit sein.

Zurückhaltung in Polen, Tschechien und Ungarn
„In den größeren Ländern unter den neuen EU-Mitgliedern, also Polen, Tschechien und Ungarn, wird im laufenden Jahrzehnt noch nicht mit dem Euro gezahlt werden können“, meint Chefökonomin Kager. In Tschechien, das die Eurokriterien bereits heute erfüllt, möchte man ebenso wenig wie in Polen derzeit eine eigenständige Wechselkurs- und Geldpolitik aufgeben. In Ungarn ist das Haupthindernis für eine raschere Euroeinführung der mangelnde Fortschritt bei der Sanierung des öffentlichen Haushalts. Die erlaubte Neuverschuldungsgrenze von 3 Prozent des BIP wurde 2005 deutlich überschritten. Trotz der Ankündigungen von Einsparungsmaßnahmen der kürzlich im Amt bestätigten Regierung ist nur langsam mit einer Annäherung an dieses Ziel zu rechnen.

Südosteuropa gut im Rennen
Die südosteuropäischen Kandidatenländer liegen bereits gut im Rennen um den Euro. Bulgarien und Rumänien werden unmittelbar nach dem Beitritt zur Europäischen Union ihre Anstrengungen auf eine baldige Aufnahme in die Währungsunion konzentrieren. Insbesondere Bulgarien könnte bei kontinuierlicher Fortsetzung der Reformpolitik basierend auf der im Rahmen des Währungsratsystems gewonnen monetären Stabilität noch vor einigen anderen mittel- und osteuropäischen Ländern den Euro übernehmen. Auch Kroatien könnte nach einem EU-Beitritt, über den derzeit verhandelt wird, unter Beibehaltung der stabilitätsorientierten Wirtschaftspolitik die Maastricht-Kriterien relativ bald erfüllen und damit bereit für die Euro-Einführung werden.

 Chart: Welche Konvergenz-Kriterien sind bereits erfüllt, welche nicht

1)  per März 2006. Der langfristige Nominalzinssatz darf maximal zwei Prozentpunkte über jenem der drei preisstabilsten Länder in der EU (derzeit Finnland, Schweden und Niederlande) liegen.
2)  per März 2006. Die Inflationsrate darf maximal 1,5 Prozentpunkte über jener der drei preisstabilsten Länder in der EU liegen.


Rückfragen: Bank Austria Creditanstalt, International Press Relations
Ildiko Füredi-Kolarik, Tel. +43 (0)50505 DW 56102,  E-Mail: ildiko.fueredi-kolarik@ba-ca.com