15.01.2003

Osteuropas Industrie auf Überholspur in Richtung EU

  • EU-Importe: Mittel- und Osteuropa hat Japan bereits überholt.
  • Hohe Dynamik und rasche Umstrukturierung in der CEE-Industrie.
  • Industrie ist weiterhin der Wirtschaftsmotor der EU-Kandidatenländer.

Der Industriesektor Mittel- und Osteuropas (CEE) gewinnt innerhalb der EU an Bedeutung. In den letzten Jahren gelang der Industrie in CEE eine gewaltige Steigerung ihrer Produktivität und damit auch ihres Marktanteils in der EU. Seit 1995 wuchs die Produktivität des Sektors in den CEE-Ländern um nahezu zehn Prozent jährlich und damit etwa viermal so schnell wie jene innerhalb der EU. Rund zwölf Prozent der EU-Importwaren der verarbeitenden Industrie kommen bereits aus den Beitrittsländern, womit Japan (1995 12%, 2001 9%) als Industrieimportland überholt wurde. Der CEE-Anteil ist seit 1995 um fast vier Prozentpunkte gestiegen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW), die im Auftrag der Bank Austria Creditanstalt (BA-CA) erstellt und im Rahmen des Euromoney CEE Issuers & Investors Forum in Wien vorgestellt wurde.

„Die Restrukturierungsaktivitäten und Privatisierungsbemühungen der Beitrittskandidaten haben sichtlich gefruchtet“, meint die Chefökonomin der BA-CA, Marianne Kager. Der Output der Industrie legte in den Beitrittsländern seit dem Tiefstand 1992 um fast 40% zu. Und das, obwohl seit dem Reformbeginn rund 40% der Beschäftigten im Sektor abgebaut wurden. Nachdem die Industrie von der Transformationskrise zu Beginn des Reformprozesses besonders stark betroffen war, erweist sie sich seit Mitte der 90er Jahre als wichtigster Wirtschaftsmotor.

Einen weiteren Beleg für den Weg Richtung EU liefert der Wandel der Industriestruktur der Beitrittskandidaten: Die Produktionsstrukturen der Kandidatenländer haben sich jenen in der EU bereits stark angenähert.

Den stärksten Wettbewerbsvorteil sehen die Ökonomen nach wie vor bei den niedrigeren Lohnkosten in Mittel- und Osteuropa. Dieser Faktor zeigt sich besonders stark innerhalb der arbeitsintensiven Branchen mit geringerer Produktivität (z.B. Textilbranche). „Der noch vorhandene Wettbewerbsvorteil der niedrigen Lohnkosten kann jedoch mittelfristig nicht gehalten werden und muss durch höhere Produktivität kompensiert werden“, so die Osteuropaexpertin Kager.

Lohnkostenvorteil schwächt sich ab
Noch besteht für die meisten Kandidatenländer ein signifikanter Lohnkostenvorteil. Mit dem raschen Wirtschaftswachstum war allerdings auch ein Anstieg der Löhne in den Ländern verbunden, der durch Produktivitätsfortschritte noch nicht voll kompensiert wurde. Die Wettbewerbsfähigkeit der Kandidatenländer hat sich daher - was die Arbeitskosten betrifft - in den letzten Jahren verschlechtert. So sind zwischen 1995 und 2001 die Lohnstückkosten mit Ausnahme Ungarns (-5% p.a.) in allen Kandidatenländern gestiegen: zwischen 1,5% p.a. in der Slowakei und 13,8% p.a. in Litauen. Die Studienautoren gehen von weiteren Steigerungen in den nächsten Jahren aus.

Gewinner und Verlierer
Sehr unterschiedlich haben sich die verschiedenen Industriesektoren während des Strukturwandels der vergangenen Jahre entwickelt: Überdurchschnittliche Produktivitätsfortschritte erzielten in fast allen Ländern die Elektroindustrie, die Fahrzeugindustrie und die Möbelindustrie. Die Maschinenindustrie zählte in Tschechien, Polen, der Slowakei und Estland zu den ‚Produktivitätsgewinnern‘. Unterdurchschnittliche Produktivitätsfortschritte waren hingegen häufig in der Nahrungsmittelindustrie, der Textil- und Bekleidungsindustrie, der Leder- und Schuhindustrie, der Holzindustrie, der Papierindustrie sowie der Chemieindustrie zu beobachten. „Die technologieintensiven Branchen sind daher typischerweise Produktivitätsgewinner, während die traditionellen Industrien, die häufig Standardtechnologien verwenden, im allgemeinen zu den Produktivitätsverlierern zählen und daher relativ stärker im Kostenwettbewerb verloren haben“, betont Waltraut Urban, Industrieexpertin am WIIW. 
 
Analog zu dieser Entwicklung konnten auch die Exporte von technologieintensiven Produkten überdurchschnittlich stark expandieren. Ihr Anteil am Export nimmt signifikant zu. „Kraftfahrzeuge, Kraftfahrzeugzubehör, Büromaschinen, Fernseh- und Radiogeräte zählen zu den am schnellsten wachsenden Exportgruppen,“ sagt Doris Hanzl-Weiss vom WIIW.

Auch innerhalb der Branchen können Veränderungen festgestellt werden. Die Kandidatenländer sind innerhalb der arbeitsintensiven Branchen (z.B. Textil- oder Holzindustrie), wo sich der Kostendruck verstärkt hat, typischerweise im höheren Preissegment vertreten. Innerhalb der technologieintensiven Sektoren (z.B. Fahrzeug- oder Elektroindustrie) sind sie im unteren, preiselastischeren Qualitätsbereich zu finden.

„Zu den großen Gewinnern zählen Elektroindustrie und der Fahrzeugbau. Diese Industrien zeigen vor, welchen Weg Osteuropa bei der Fortsetzung seines Aufholprozesses Richtung EU gehen muss: Weitere Steigerung der Produktivität. Dies wäre durch eine weitere Umorientierung von Low- zu Hightech möglich“, fasst Kager zusammen.   


Rückfragen:  Bank Austria Creditanstalt Group Public Relations
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