3.5.2002

News aus dem Asset Management der Bank Austria: "Kronprinzenfrage": Wechsel an der Spitze großer US-Unternehmen

Der amerikanische Aktienmarkt schlägt sich derzeit nicht nur mit der Frage herum, wann den Unternehmen die Rückkehr zu einem positiven Gewinnwachstum gelingen wird. Immerhin sind die Gewinne im S&P 500 nach aktuellen Schätzungen (noch haben nicht alle Unternehmen berichtet) im ersten Quartal um 12 Prozent gefallen; im laufenden, zweiten Quartal soll nach mehr als einem Jahr rückläufiger Gewinne der Sprung zurück zu einer positiven Gewinnentwicklung gelingen – aber die Prognosen fallen laufend. Anfang April hatte man noch mit über 8 Prozent Gewinnwachstum in diesem Quartal gerechnet, aktuell erwartet man nur mehr 6,9 Prozent.

Die Ernüchterung geht also weiter. Der April war dementsprechend kein besonders erfreulicher Monat für den US-Markt, die Kurse verbuchten letzte Woche die stärksten Rückgänge seit den Anschlägen vom September. Per Saldo fiel der S&P im April um 6,1 Prozent, der Dow um 4,4 Prozent und die Nasdaq um 8,5 Prozent. Auch an diesen Zahlen ist ersichtlich, dass die Durststrecke in der amerikanischen Technologie offenbar noch nicht vorbei ist.

Damit wollen wir uns einem speziellen Thema an der amerikanischen Börse zuwenden, das nicht unbedingt die Aufmerksamkeit wie z.B. die Frage nach dem Gewinnwachstum erfährt, das aber mehr beachtet werden sollte: die sogenanntee "Kronprinzenfrage". Bei einer Reihe von US-Unternehmen steht demnächst ein Wechsel an der Spitze an oder ein solcher hat in der jüngsten Vergangenheit stattgefunden. Dabei sind Legenden des amerikanischen Business wie Jack Welch oder Louis Gerstner abgetreten. Dass deren Abgang oft einen Zenith in der Kursentwicklung markierte und der Nachfolger mit wesentlich mehr Skepsis fertig werden musste als der legendäre Vorgänger, macht die Anleger natürlich bei den noch ausstehenden Ablösungsfällen zusätzlich nervös.

GE: Das wohl berühmteste Beispiel für eine Hofübergabe, die wahrlich unter keinem guten Stern stand. Die Legende Jack Welch hatte GE 20 Jahre lang geführt und zum größten Unternehmen der Welt gemacht (GE musste diesen Platz zwar zwischenzeitlich für andere Tech-Unternehmen räumen, ist mittlerweile aber wieder unangefochten die Nummer Eins). Am 7. September 2001 tritt Welch ab, und der zweite Geschäftstag, an dem sein Nachfolger Jeff Immelt im Amt ist, ist der 11. September 2001. Einen unglücklicheren Start hätte man sich wohl kaum wünschen können. Seit dem Amtsantritt von Immelt ist der Kurs von GE um 17 Prozent gefallen, die Anleger fürchten Umsatzrückgänge, besonders in den konjunktursensiblen Segmenten; und es gab zuletzt vermehrt Protest wegen mangelnder Transparenz bei der Rechnungslegung. Immelt hält aber an den Ertrags- und Umsatzzielen für 2002 und 2003 fest und hat bei der Hauptversammlung letzten Monat seine persönliche Unzufriedenheit mit der Kursentwicklung nochmals herausgestrichen.

Fazit: Jack Welch war den Anlegern bei GE sicher eine Prämie wert, Immelt wird in diese großen Schuhe erst hineinwachsen müssen. Dazu kommt, dass der Markt den ganz großen Unternehmen derzeit eher mit Skepsis begegnet. Größe und Gewicht der Aktie sprechen aber weiterhin für sich, außerdem sollte GE von einer wirtschaftlichen Erholung sicher überproportional profitieren.

IBM: Ende dieses Jahres geht Louis Gerstner in Pension, der Mann, der im Jahr 1993 antrat, IBM zu retten – und dem dies auch gelang. Seine Strategie, verstärkt auf Dienstleistungen zu setzen und damit das Geschäft mit Hardware, das starken zyklischen Schwankungen ausgesetzt ist, etwas abzufedern, ging voll auf. Bereits seit 1. März ruhen die Geschicke von IBM nun in den Händen seines Nachfolgers, Sam Palmisano. Der hatte in seinem ersten Monat im Amt die unrühmliche Aufgabe, die erste außertourliche Gewinnwarnung von IBM in 10 Jahren aussprechen zu müssen – die Aktie hat nach ihrer starken Performance im Vorjahr heuer auch bereits 30 Prozent verloren. Offensichtlich zeichnet sich auch hier ein ähnliches Bild ab wie bei GE: Gerstner tritt am Höhepunkt ab. Er lieferte im für Technologie bereits sehr schwierigen Jahr 2001 noch einmal eine ausgezeichnete Performance ab, jetzt wird das Klima offensichtlich doch deutlich rauer.

AIG: Der Primus unter den amerikanischen Versicherungen wird seit 35 Jahren von Hank Greenberg geleitet, auch er eine charismatische Figur, ähnlich wie Welch. Er genießt unter den Anlegern hohes Vertrauen, wird am Freitag aber 77 Jahre alt – die Frage der Nachfolge wird damit zunehmend dringlicher. Jetzt hat AIG einen Wettbewerb unter 7 leitenden Managern ausgeschrieben, um die Ängste des Marktes zum Thema "was passiert nach Greenberg" zu besänftigen.

Citigroup: Sandy Weill, der 69-jährige CEO von Citigroup und einer der geachtetsten Manager der amerikanischen Finanzdienstleistungsszene, hat bis dato keinen expliziten Nachfolger. Robert Rubin, der ehemalige US Finanzminister, der sich in den schwierigen Jahren 1997 und 1998 höchstes internationales Lob für sein Krisenmanagement sicherte, ist zwar seit Oktober 1999 bei Citigroup, will aber nicht Nummer Eins werden. Dahinter könnten auch persönliche oder gesundheitliche Gründe stehen, die ihn ja auch dazu bewogen haben, als Finanzminister zurückzutreten. Außerdem wird er immer wieder als möglicher Nachfolger für Greenspan genannt.

Der zunächst von Weill vorgesehene Nachfolger, Jamie Dimon, verließ Citigroup im Jahr 1998 nach einer publicityträchtigen Auseinandersetzung mit Weill. Seit März 2000 leitet Dimon nun die sechstgrößte US Regionalbank, Bank One, und führt das Unternehmen nach langen Jahren der Underperformance auf einen sehr erfolgreichen Kurs zurück (was sich auch im Aktienkurs niederschlägt). Vielleicht wollte Dimon seinem alten Mentor Weill beweisen, dass er einen Fehler gemacht hatte, als er seinen Schützling fallen ließ. In jedem Fall ist die Frage der Nachfolge für Weill ungeklärt.

Fazit: Diese Aufzählung erhebt natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, es gäbe noch weitere prominente Beispiele, wie z.B. die Ablösung des CEO von Ford, Jacques Nasser, oder auch der heftige Kampf im Zuge der Übernahme von Compaq, den Carly Fiorina (CEO von Hewlett Packard) durchstehen musste. Es scheint aber schon so zu sein, dass die Anleger in unsicheren Zeiten auf eine verlässliche (und bekannte) Hand am Steuerrad viel Wert legen, was nur wieder die hohe Bedeutung des Faktors "Vertrauen" an der Börse unterstreicht.

Rückfragen: Bank Austria Asset Management

Monika Rosen, Tel. 33 147 DW 5403; E-Mail: monika.rosen@amg.co.at