4.6.2002

Unternehmensfinanzierung der Zukunft: Österreichs Unternehmen benötigen mehr Eigenkapital

Aktuelle Studie: Finanzierungsstruktur im internationalen Vergleich ungünstig
Neue Anforderungen: Unternehmen müssen ihre Bonität verbessern
Gesetzliche Rahmenbedingungen in Österreich noch nicht optimal

Österreichs Unternehmen besitzen im internationalen Vergleich eine relativ ungünstige Finanzierungsstruktur: Sie verfügen über deutlich weniger Eigenkapital als ihre internationalen Mitbewerber und finanzieren sich sehr stark über Kredite. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, welche die renommierte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG im Auftrag der Bank Austria Creditanstalt-Gruppe erstellt hat. Der Autor der Studie, Gottfried Schellmann, Geschäftsführer der KPMG Niederösterreich, warnt: "Österreichs Unternehmen besitzen europaweit die schlechteste Finanzierungsstruktur."

Die europäischen Unternehmen stehen mitten in einem tiefgreifenden Wandel: Finanzierungen über den Kapitalmarkt treten immer stärker neben die klassisch europäische Kreditfinanzierung. Zugleich gewinnt die Bonität der Unternehmen durch die zukünftigen Eigenkapitalvorschriften – Stichwort: Basel II – zunehmend an Bedeutung für die Kreditpreise. Im Rating, das die Bonität eines Unternehmens bewertet, stellt die Eigenkapitalausstattung des Firmenkunden einen wesentlichen Faktor dar.

"Eine gute Eigenkapitalausstattung wird in Zukunft sehr wichtig", sagt Regina Prehofer, BA/CA-Bereichsvorstand für das Firmenkundengeschäft, mit Blick auf die Ergebnisse der aktuellen Studie. Der Eigenkapitalanteil an der Gesamtbilanz macht bei den heimischen Unternehmen durchschnittlich nur 28 Prozent aus. In Deutschland sind es dagegen 30 Prozent, in Frankreich 35 Prozent und in Portugal sogar 42 Prozent. Sehr hoch ist in Österreich dagegen der Anteil der Kreditfinanzierung: 65 Prozent der heimischen Unternehmen greifen bei ihrer Außenfinanzierung auf Kredite zurück. Damit liegen sie gleichauf mit den deutschen Unternehmen. Weit weniger stark auf diese Finanzierungsform wird in Italien (17 Prozent), Dänemark (24 Prozent) oder Portugal (48 Prozent) gesetzt.

Prehofer: "Die Finanzierungsstruktur ist bei uns in Österreich nicht optimal. Die Eigenkapitalquote muss deutlich erhöht werden. Damit werden die Unternehmen natürlich auch robuster gegen Schwankungen der Konjunktur, wie wir sie derzeit erleben."

Unternehmen können ihre Finanzierungsstruktur auf verschiedene Weise verbessern: Neben neuen Finanzierungsformen wie Private Equity oder Mezzanindarlehen gewinnen auch Leasing, Factoring und strukturierte Finanzierungen an Bedeutung. Als eine innovative Möglichkeit, um zu mehr Eigenkapital zu gelangen, gelten sogenannte Basket Bonds. Dies sind Anleihen, die von mehreren Unternehmen zu gleichen Konditionen vergeben werden, um gemeinsam die kritische Kapitalmarktgröße zu erreichen. Die BA/CA-Gruppe besitzt im Bereich der zukunftsträchtigen Kapitalmarktprodukte einen klaren Know-how-Vorsprung gegenüber allen österreichischen Mitbewerbern.

Maßnahmen setzen: mehr Transparenz, bessere Sicherheiten

Neben der Eigenkapitalausstattung der österreichischen Unternehmen wird deren Bereitschaft zu mehr Transparenz immer wichtiger werden: "Der Kapitalmarkt stellt hohe Anforderungen an die Offenheit und Transparenz der Unternehmen. Hier hat sich in Österreich in den vergangenen Jahren einiges getan - aber es herrscht noch immer großer Nachholbedarf", so Prehofer. "Wer rasch, offen und fair über sein Unternehmen informiert, wird vom Kapitalmarkt belohnt."

Eine Stärkung ihrer Bonität erreichen Unternehmer durch einige gezielte Maßnahmen. KMPG-Experte Schellmann: "Generell sollte der Unternehmer seine Bilanzierung sowie das Rechnungswesen überdenken und die Sicherheitenpolitik verbessern." Anrechenbare Sicherheiten sorgen im Ratingprozess für eine bessere Bonität: Geld und Wertpapiere werden hier mit ihrem Nominalwert berücksichtigt - Liegenschaften dagegen nur mit der Hälfte ihres jederzeit erzielbaren Verkaufspreises. Auch Forderungszessionen sind als Besicherungsinstrumente nicht attraktiv. Hier gibt es die Möglichkeit, die Forderungsverwaltung ganz auszulagern. "Mittelbetriebe werden schon durch die rechtzeitige Erstellung von Bilanzen und die schnellere Steuerung des Unternehmens über das Controlling erhebliche Vorteile erzielen", ergänzt Prehofer.

Wirtschaftsförderung vor dem Wandel

Das bestehende Wirtschaftsförderwesen in Österreich zielt derzeit mehrheitlich auf Zuschüsse sowie Zinszuschüsse und damit auf Fremdkapitalfinanzierungen ab. Nach Ansicht von BA/CA-Gruppe und KPMG werden in Zukunft die Übernahme von Haftungen sowie Beteiligungsgarantien an Bedeutung gewinnen. Von diesem positiven Wandel abgesehen, ist der gesetzliche Rahmen für eine kapitalmarktgetriebene Finanzierungsweise in Österreich noch nicht optimal.

So sind die Bilanzen und Unternehmensorganisationen bislang nicht unmaßgeblich nach Steuergesichtspunkten strukturiert. Da kaufmännische Sicherheiten an Bedeutung gewinnen, sollte die kommende Steuerreform auf eine Stärkung des unternehmerischen Eigenkapitals zielen. "Die günstigere Besteuerung der nicht entnommenen Gewinne ist ein alte Forderung, die heute aktueller ist denn je", so Prehofer.

Als weitere positive Maßnahme ist in diesem Zusammenhang die Ausweitung der Berücksichtigung von fiktiven Zinsen auf das eingesetzte Eigenkapital möglich. Auch die nur in Österreich angewandte Kreditvertragsgebühr muss nach Expertenansicht fallen, stellt sie doch besonders bei Kreditsyndizierungen international eine Hürde dar. Syndizierungen von Krediten gelten allgemein als Zugang zu den Kapitalmärkten.

Rückfragen: Bank Austria Creditanstalt Group Public Relations

Christian Kontny, Tel. 01/71191–52483, E-Mail: christian.kontny@ba-ca.com