19.6.2002

Inflationsgespenst verliert in Mittel- und Osteuropa seinen Schrecken

Inflation in Mittelosteuropa geringer als in manchen EU-Ländern
Kräftiger Teuerungsrückgang im 1. Halbjahr 2002
Moderate Trendumkehr in nächsten Monaten jedoch bereits in Sicht
Maastricht-Kriterium mittelfristig zumeist noch außer Reichweite

Das Gespenst Inflation hat in den mittel- und osteuropäischen Ländern seinen Schrecken verloren. In den letzten Jahren hat sich der Preisauftrieb nach dem Inflationsschock zu Beginn der Reformen Anfang der 90er Jahre kontinuierlich verringert. Fallende Inflationsraten prägen auch in der ersten Jahreshälfte 2002 das Bild. Unterstützt durch das günstige internationale Preisumfeld ist in der Region die Teuerung unter Kontrolle. In einigen Ländern liegt die Inflationsrate mittlerweile bereits unter jener einzelner EU-Mitgliedsstaaten.

Nach einer Berechnung der Ökonomen der BA/CA-Volkswirtschaft fiel im Mai 2002 fiel die Verbraucherpreisinflation in den zehn EU-Beitrittskandidaten aus Mittelosteuropa auf durchschnittlich 5,1%. Ohne Bulgarien und Rumänien, jene beiden Länder die sicher nicht in einer ersten EU-Erweiterungsrunde inkludiert sein werden, verringert sich der gewichtete Durchschnitt sogar auf 2,9% im Jahresabstand. In der Eurozone betrug der Preisanstieg auf Basis des HVPI dagegen zwar 2,0%, doch reicht die Spanne von nur 1% in Deutschland bis zu 5% in Irland.

Litauen preisstabilstes Land

Vom engeren Kreis der Beitrittsaspiranten weist nur Slowenien (+7,5%) und Ungarn (+5,6%) eine höhere Teuerung als Irland auf. In unseren anderen Nachbarländern aus der Region Tschechien (+2,5%) und der Slowakei (+3,2%) ist die Inflation sogar geringer als in Griechenland, Spanien, Portugal oder den Niederlanden. Litauen, das preisstabilste Land in Mittelosteuropa, übertrifft diesbezüglich sogar jedes Land in der Eurozone (Siehe Tabelle: Jährliche Inflationsraten im Mai 2002).

Inflation zieht wieder an

Übertriebene Euphorie ist jedoch nach Ansicht der Osteuropaexperten der Bank Austria Creditanstalt nicht angebracht, denn in vielen Ländern haben Einmaleffekte zu diesem Erfolg beigetragen, die früher oder später auslaufen werden. In der Tschechischen Republik ist neben der Kursstärke der Krone, die eine Entlastung über die Importpreise gebracht, hat auch die Senkung der Gaspreise um 8% für Privathaushalte im Vorfeld der kürzlich stattgefundenen Parlamentswahlen wesentlich verantwortlich. Auch in der Slowakei spielte die im Herbst bevorstehende Wahl mit. Ausbleibende Preisliberalisierungen zu Jahresbeginn u.a. auch im Gasbereich unterstützten die rückläufige Inflationsentwicklung wesentlich. In allen Ländern wirkten die im Vergleich zum Vorjahr geringeren Rohstoffpreise, allen voran der Erdölpreis inflationsdämpfend.

Sobald im 2. Halbjahr die Sondereffekte aus 2001 (Rohstoffpreisanstieg) auslaufen, ist wiederum eine Aufwärtstendenz bei den Verbraucherpreisen in der Region zu erwarten, stellt Marianne Kager, Chefökonomin der BA/CA fest. Zudem, so Kager weiter, sind die ersten Signale einer Wirtschaftsbelebung in Mittelosteuropa erkennbar, die zunehmend Druck auf die Preise ausüben wird.

Insbesondere in Ungarn, wo sich die Inflation u.a. auch wegen der Aufwertung des Forint gegenüber dem Euro seit der Ausweitung der Wechselkursbänder im Vorjahr stark gedämpft zeigt, wird die Beschleunigung der Konjunktur nachfrageseitig ein Anziehen der Preise verursachen. Zumal die Inlandsnachfrage bereits vor den Parlamentswahlen im April durch eine relativ lockere Budgetpolitik deutlich gestärkt wurde. Auch in den nächsten Monaten wird eine expansive Fiskalpolitik die Nachfrage stimulieren, denn die Regionalwahlen im Herbst haben die neue Regierung zu einem ausgabenintensiven Programm mit kräftigen Lohnerhöhungen im öffentlichen Sektor veranlasst. Schließlich wird die Erhöhung der Steuern auf Treibstoffe mit 1. Juli 2002 einen negativen Effekt auf die Teuerung in Ungarn ausüben. Auch in Polen wird u.a. die Anhebung administrierter Preise für die Trendumkehr in der Inflationsentwicklung in der zweiten Jahreshälfte verantwortlich sein: Im Juli werden die Strompreise für Endverbraucher um 5,7% erhöht.

Maastricht rückt näher

Im Jahresdurchschnitt 2002 werden die Inflationsraten in den Ländern Mittelosteuropas jedoch deutlich unter dem Wert des Vorjahres liegen. Nachdem im Jahr 2001 nur Lettland und Litauen das relevante Maastricht-Kriterium – geringere Inflation als der Durchschnitt der drei preisstabilsten EU-Mitglieder + 1,5 Prozentpunkte - erfüllt hätten, werden nach Einschätzung der Volkswirte der Bank Austria Creditanstalt im laufenden Jahr mit Tschechien und allen baltischen Ländern bereits vier Beitrittskandidaten diese Grenze unterschreiten, die nach den aktuellen Prognosen für 2002 voraussichtlich 3,3% (1,8% + 1,5 Prozentpunkte) betragen wird.

Details können Sie dem soeben erschienen CEE-Report 3-2002 entnehmen, der auch auf der Bank Austria Homepage unter www.ba-ca.com – Research aufrufbar ist.

Rückfragen: Bank Austria Creditanstalt Konzernvolkswirtschaft

Walter Pudschedl, Tel. 53 131 DW 41957; E-Mail: walter.pudschedl@ba-ca.com