10.09.2002

Der 11. September - ein Jahr danach

Was bedeutet der Jahrestag für die Märkte?

Die Anschläge vom 11. September 2001 haben die Welt geschockt und auch an den Börsen tiefe Spuren hinterlassen. Und dennoch kam es letztlich anders als erwartet: Die US-Aktien gerieten zwar unmittelbar nach Wiedereröffnung der Wall Street heftig unter Druck, legten aber dann im 4. Quartal 2001 eine beachtliche Rallye hin. Der vielfach befürchtete neuerliche Anschlag trat bis jetzt nicht ein. Trotz der jüngsten Erholung befinden sich die großen US-Indizes allerdings immer noch unter den Tiefständen vom letzten Herbst bzw. sind nahe dran, wie im Falle des Dow Jones.

Neue Ängste und Probleme (Stichwort: Bilanzskandale) beschäftigen heute die Märkte, und so scheint die Frage berechtigt, welche Rolle der Terror „ein Jahr danach“ an der Börse spielt. Sowohl die amerikanische Wirtschaft als auch der Aktienmarkt standen bereits vor den Anschlägen unter Druck. Erst kürzlich wurden die US-Wachstumsdaten für 2001 revidiert, wobei vor allem die ersten beiden Quartale schlechter wegkamen. Demgegenüber wurde das 3. Quartal, in dem die Anschläge verübt wurden, sogar nach oben revidiert!

Zeitraum          ursprünglich       endgültig

1. Qu. 2001      + 1,3%                    - 0,6%
2. Qu. 2001      + 0,3%                    - 1,6%
3. Qu. 2001       - 1,3%                    - 0,3%
4. Qu. 2001      + 1,7%                    + 2,7%

Bereits im 4. Quartal 2001 erholte sich die US Wirtschaft wieder deutlich – gestützt durch Steuersenkungen, Rüstungsausgaben und durch das entschlossene Eingreifen der Notenbank, die die Leitzinsen letzten Herbst nochmals aggressiv senkte. Damit sollte vor allem der amerikanische Konsument bei Kauflaune gehalten werden – was im großen und ganzen auch gelang.
Der Aktienmarkt zeigte ein ähnliches Bild: Nach dem ersten Schock und starken Kursverlusten (bis zum vorläufigen Tief am 21. September) erholte sich der Markt bis Jahresende deutlich. Vor allem Technologie, aber auch Zykliker (Einzelhandel!) legten eine Schlussrallye hin. Die Nasdaq gewann im letzten Quartal 2001 30 Prozent. An der starken Performance der Einzelhändler kann man den positiven Effekt der Zinssenkungen ablesen.

Im neuen Jahr zeigte dann aber sowohl die wirtschaftliche Erholung als auch der Aufschwung an den Börsen Ermüdungserscheinungen. Mit der tiefen Vertrauenskrise, ausgelöst durch Bilanzskandale wie Enron und Worldcom, gab es gerade für das an der Börse so wichtige Sentiment einen neuen Schlag. Auf dieser psychologischen Ebene sehen viele Experten den langfristigen Effekt des Terrors: Die Amerikaner wurden in ihrem eigenen Land angegriffen. Man kann wohl von einer gewissen Erschütterung im Selbstverständnis der Amerikaner sprechen, wodurch die Vertrauenskrise doppelt belastet.

Für den Markt insgesamt bedeutet der Jahrestag natürlich einen weiteren Grund, nervös zu sein. Der September gilt ohnehin als schwieriger Monat an den Börsen. Dazu kommt, dass der „Krieg gegen den Terror“ scheinbar noch lange nicht vorbei ist – im Gegenteil, die Anzeichen für eine Konfrontation mit dem Irak mehren sich. Einzelne Branchen (wie Öl oder Rüstung) würden vielleicht profitieren, der Markt als Ganzes ist von den geopolitischen Ereignissen aber zumindest kurzfristig nicht positiv inspiriert. Wir sind allerdings überzeugt, dass sich an den Börsen langfristig die wirtschaftlichen Themen durchsetzen werden.

Fazit: Aufgrund der erneut zunehmenden Unsicherheit auf den Finanzmärkten halten wir eine defensivere Ausrichtung nach wie vor für die bessere Wahl. Insofern bevorzugen wir ausgewählte Pharmawerte sowie europäische Versorger. Bei neuerlicher Schwäche halten wir einen selektiven Einstieg in zyklische Bereiche (Chemie) für interessant. Von einem Anstieg der Märkte sollten insbesondere Versicherer profitieren. Bei Technologie-Werten behalten wir unsere vorsichtige Ausrichtung bei und warten auf Unternehmensnachrichten, die ein Anspringen der Nachfrage signalisieren.


Rückfragen:  Bank Austria Creditanstalt Asset Management
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