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Expertinnen und Experten sind sich einig, dass weder die EU noch Grossbritannien vom Brexit profitieren werden. Die britische Wirtschaft spürt die Folgen jedenfalls bereits jetzt.

Überblick zu bewahren oder gar einzuschätzen, was nach dem 30. März, dem Tag des EU-Austritts Großbritanniens, letztlich passieren wird, stellt nach den letzten turbulenten Wochen und Monaten selbst für Expertinnen und Experten eine gehörige Herausforderung dar. Mit ziemlicher Sicherheit kann nur eines gesagt werden: Egal, welches der vielen möglichen Szenarien letztlich eintreten wird, vom bevorstehenden Brexit wird am Ende des Tages weder Großbritannien noch die EU profitieren. Dass dieser Großbritannien mehr schaden wird als der EU, ist da keineswegs ein Trost. "Einen Brexit ohne Abkommen und Übergangsphase halten wir noch immer für unwahrscheinlich. Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass es beim Abkommen zu Nachverhandlungen zwischen der EU und Großbritannien kommt, da beide Seiten unbedingt einen ungeregelten Brexit verhindern wollen" sagt UniCredit Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer und ergänzt: "Bei einem Verbleib des Vereinigten Königreichs bis zumindest zum Ende der Übergangsperiode im Dezember 2020 im EU-Binnenmarkt wären die kurzfristigen Auswirkungen auf die österreichische Volkswirtschaft sehr gering."

Harter Brexit hätte drastische Folgen

Für den Fall, dass dieses Szenario nicht eintritt, und es zu einem "harten Brexit" kommt - sprich: Großbritannien verlässt die EU ohne Abkommen und Übergangsfrist - zeichnet eine aktuelle Studie der Bank of England jedenfalls ein düsteres Bild für die britische Wirtschaft: Das BIP würde 2019 um nicht weniger als 8 Prozent zurückgehen, was einer gewaltigen Rezession gleichkommen würde. Die Hauspreise und das Britische Pfund würden um rund ein Drittel bzw. ein Viertel einbrechen. Gleichzeitig würde die Arbeitslosenrate von rund 4 auf 7,5 Prozent ansteigen, die Inflation sogar auf 6,5 Prozent. 
 

Stefan Bruckbauer, Chefökonom UniCredit Bank Austria
Stefan Bruckbauer, Chefökonom UniCredit Bank Austria
"Wir sehen derzeit, dass die Wirtschaft in Großbritannien leidet."

Für den Fall, dass dieses Szenario nicht eintritt, und es zu einem "harten Brexit" kommt - sprich: Großbritannien verlässt die EU ohne Abkommen und Übergangsfrist - zeichnet eine aktuelle Studie der Bank of England jedenfalls ein düsteres Bild für die britische Wirtschaft: Das BIP würde 2019 um nicht weniger als 8 Prozent zurückgehen, was einer gewaltigen Rezession gleichkommen würde. Die Hauspreise und das Britische Pfund würden um rund ein Drittel bzw. ein Viertel einbrechen. Gleichzeitig würde die Arbeitslosenrate von rund 4 auf 7,5 Prozent ansteigen, die Inflation sogar auf 6,5 Prozent. BREXIT "Wir sehen derzeit jedenfalls, dass die Wirtschaft in Großbritannien leidet", hält Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria, fest. So herrsche unter den britischen Unternehmen große Verunsicherung, und auch Probleme wie Arbeitskräftemängel würden sich bereits bemerkbar machen. In dieselbe Kerbe schlägt auch die Studie der Bank of England. Die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Brexit habe die Investitionstätigkeit eingeschränkt und das Produktivitätswachstum zurückgehalten, heißt es ebenda. Allein im dritten Quartal 2018 sei das BIP-Wachstum um 1 Prozent geringer ausgefallen, als dies vom Monetary Policy Comittee im Mai 2016 prognostiziert worden war.

Grafiken Brexit Britisches BIP 2019 und Brexit-Unsicherheit

50 Prozent der britischen Exporte gehen in die EU

Falls es tatsächlich zu einem "harten Brexit" kommt, würden für Großbritannien ab dem 30. März 2019 im Handel mit der EU nur mehr die WTO-Regeln gelten. Die Folgen: Zollformalitäten und Drittlandszölle. Wie sehr das die britische Wirtschaft treffen würde, zeigt ein Blick auf die engen wirtschaftlichen Verflechtungen mit der EU: Rund die Hälfte des britischen Außenhandels wird mit der Union abgewickelt. Auf der anderen Seite gehen nur 6,5 Prozent der EU-Exporte nach Großbritannien, das wiederum für nicht mehr als 3,8 Prozent der EU-Importe verantwortlich zeichnet. Laut Lisa Rilasciati von der Stabsabteilung EU-Koordination der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) würden auf Seiten der EU Irland und die Benelux-Staaten die Auswirkungen des Brexit am meisten spüren, unter den großen Mitgliedsstaaten Deutschland. "Vom freien Zugang zum britischen Markt profitiert auch Österreich stark", sagt die Expertin, "einerseits durch den direkten Handel von Waren und Dienstleistungen, aber auch indirekt als Zulieferer an große Exportunternehmen." Zu Letzteren zähle unter anderem die deutsche Automobilindustrie. Insgesamt würde Österreich die wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexit dennoch weniger stark spüren als andere EU-Mitgliedsländer.

"Positiver Case" schwer vorstellbar

"Punktuell könnte es auch Brexit-Gewinner - etwa einzelne Branchen oder EU-Standorte - geben, wie das grundsätzlich immer der Fall ist", so Bruckbauer. Aber in Summe sei es schwer, sich einen "positive Case" für beide Seiten vorzustellen. Das würde allen ökonomischen Berechnungen widersprechen. Der Chefökonom der UniCredit Bank Austria glaubt im Übrigen nicht, dass es Großbritannien - anders als es wohlmeinende Stimmen bzw. Brexit-Befürworter prognostizieren - schaffen werde, den EU-Austritt durch neue Handelspartner zu kompensieren.

»Bis zum Brexit-Votum hat der britische Markt stark geboomt. Wir haben schöne Wachstumsraten verzeichnet.«
Christian Winkler, Leiter Group Treasury bei der Swarco AG

Der heimische Spezialist für Verkehrstechnik und intelligente Verkehrssysteme ist seit ungefähr einem Jahrzehnt in Großbritannien aktiv. Erst 2014 wurde mit der Übernahme des Verkehrstechnikanbieters APT Group ein großer Wachstumsschritt vollzogen. Heute ist Swarco mit vier Gesellschaften auf dem britischen Markt vertreten und in den Bereichen Verkehrsleitsysteme, Parkraumbewirtschaftung und E-Mobility tätig. Im Vorjahr konnte ein Umsatz von 45 Mio. Britische Pfund erzielt werden.

Gebremstes Wachstum seit Brexit-Votum

Wie Winkler erklärt, habe sich das Wachstum seit dem Referendum etwas eingebremst, "da zeitgleich, neben der Verunsicherung im Privatsektor, auch von Seiten der öffentlichen Hand Projekte verzögert wurden". Seit der Mitte des Vorjahres sei aber wieder Bewegung in den Markt gekommen. Projekte, die "on hold" waren, werden nun umgesetzt. "Vor allem im Geschäft mit der öffentlichen Hand verzeichnen wir wieder nennenswerte Auftragseingänge", so Winkler.

Für Bruckbauer lässt sich der aktuelle Hang zu Populismus und isolationistischen Tendenzen, der letztlich im Juni 2016 auch zum Brexit-Votum geführt hat, nicht nur auf ökonomische Effekte zurückführen. Vielmehr würde in diesem Zusammenhang eine Reihe von Gründen zum Tragen kommen. Einer sei die Tatsache, dass die Mainstream-Politik nicht die richtigen Antworten auf Probleme finde. Damit einher gehe eine weitere Entwicklung: die fortschreitende Entfremdung zwischen der Bevölkerung und den Eliten. Aber auch das Thema Migration spiele eine nicht unwesentliche Rolle.

"Wie der Brexit ablaufen wird, wissen auch wir nicht", so Winkler. Man könne nur das Beste hoffen: dass sich der Markt wieder stabilisieren werde. Sicherheitshalber habe man jedenfalls die Währungskomponente über Hedging (für die Produkte, die aus der Eurozone nach Großbritannien geliefert werden) abgesichert. Von der Attraktivität des Marktes ist man bei Swarco dennoch überzeugt. Schließlich wären die hauseigenen Verkehrsbeeinflussungslösungen grundsätzlich überall dort nachgefragt, wo auf begrenztem Raum der Verkehrsfluss optimiert werden soll. Das sei in Großbritannien zweifellos der Fall. Man dürfe nicht vergessen, dass Großbritannien eine der größten Volkswirtschaften in Europa sei. "Zumindest bis jetzt war sie auch eine der stabilsten", so Winkler.

Swarco AG

Das Unternehmen mit Sitz in Wattens ist auf Verkehrssicherheit und intelligentes Verkehrsmanagement spezialisiert und beschäftigt weltweit rund 3.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zum Portfolio gehören unter anderem Produkte, Systeme, Dienstleistungen und Komplettlösungen in den Bereichen Straßenmarkierung, urbanes und interurbanes Verkehrsmanagement, öffentlicher Nahverkehr, Parkleitsysteme sowie Verkehrstelematik-Software und Infrastruktur-zu- Fahrzeug-Kommunikation. Swarco ist aktuell der weltgrößte Ampelhersteller und die Nummer zwei bei Reflexglasperlen. 2017 konnte in 70 Ländern ein Umsatz von 675 Mio. Euro erwirtschaftet werden.

INTERVIEW

Drastischer Rückgang des BIP bei einem ungeordneten Brexit

Daniel Vernazza,Chief UK & Senior Global Economist, UniCredit Bank London, über die Folgen eines geordneten bzw. ungeordneten Brexit.

Was würde passieren, wenn es zu einem Brexit ohne Abkommen und Übergangsfrist kommt?
Dieses Szenario halten wir zwar nicht für sehr wahrscheinlich, das britische BIP würde in diesem Fall aber drastisch zurückgehen. Wie hoch der Rückgang tatsächlich ausfallen würde, ist unmöglich präzise einzuschätzen. Weder die EU noch Großbritannien sind jedenfalls auf einen Brexit ohne Abkommen und Übergangsfrist vorbereitet. So würde es etwa fünf Jahre dauern, um ein Zollsystem, und drei Jahre, um ein Visasystem aufzubauen. Dazu kommt, dass man sehr viel neue Infrastruktur benötigen würde, um die Grenze managen zu können.

Das heißt, an der gemeinsamen Grenze könnte es zu Schwierigkeiten kommen?
Zumindest wären Stillstände und beträchtliche Zeitverluste sehr wahrscheinlich. Es sei denn, es gäbe Übergangsregelungen für die benötigten Lizenzen bzw. Zollkontrollen würden nicht erzwungen werden.

Angenommen das britische Unterhaus segnet den Brexit- Deal doch mit der EU ab, wie würde sich die britische Wirtschaft dann entwickeln?
Aufgrund des Verfalls des Britischen Pfunds würde die Inflation steigen. Es würde aber auch zu Versorgungsengpässen bei einigen Waren kommen. Falls sich Großbritannien für ein WTO-Zollsystem - ähnlich wie jenes der EU - entscheidet, würde das höhere Zollgebühren bedeuten
Falls das eintritt, könnte das britische BIP 2019 - nach 1,3 Prozent im Vorjahr - um 1,5 Prozent steigen. 2020 würde es auf 1 Prozent zurückgehen. Dafür gibt es vor allem zwei Gründe: Erstens ist es wahrscheinlich, dass die Unternehmen dank der Sicherheit einer zweijährigen Übergangsfrist Investitionen, die im Vorjahr wegen der Unsicherheit um den Brexit aufgeschoben wurden, durchführen. Zweitens sollte vor allem 2020 die externe Nachfrage weniger unterstützend ausfallen.