Die Politik ist weiterhin bestimmend!

Auch nach dem Sommer geben die Politik bzw. die Erwartungen über die Politik in der Weltwirtschaft und damit auch an den Märkten den Ton an. Allerdings hat sich die Stimmung in der Weltwirtschaft nach dem doch erkennbaren Rückgang im ersten Halbjahr 2018 stabilisiert und die Stimmungsindikatoren in den meisten Ländern der Welt zeigten im Juli und August einen leichten Anstieg. Insgesamt sind die Unternehmen ähnlich optimistisch wie zur gleichen Zeit vor einem Jahr. Allerdings erlebten wir 2017 im zweiten Halbjahr einen, zum Teil überraschenden, weiteren Anstieg der Stimmung, im Euroraum getragen von einer stabilen Inlandskonjunktur und einer sich beschleunigenden Auslandsnachfrage, vor allem aus den Schwellenländern.

Waren die Schwellenländer also im zweiten Halbjahr 2017 ein wichtiger Unterstützungsfaktor für unsere Konjunktur im Euroraum, dürfte dies 2018 nicht mehr der Fall sein, im Gegenteil. Von vielen Schwellenländern gehen derzeit eher dämpfende Signale aus. Die Ereignisse in der Türkei oder in Argentinien hatten deutlich negative Effekte auf einige Länder, allen voran Brasilien oder Südafrika. Neben unterschiedlichen Herausforderungen in den einzelnen Ländern zeichnet die meisten der betroffenen Schwellenländer eines aus, sie sind stark von ausländischen Kapitalimporten abhängig, da sie kontinuierlich Defizite in ihrer Leistungsbilanz haben.

Positiv überrascht hat über den Sommer die Wirtschaft in den USA mit einem Wachstum von 4 Prozent, rund ein Prozentpunkt mehr als erwartet. Trotz des fortgeschrittenen Aufschwungs und den bereits erfolgten Zinserhöhungen wird die US-Wirtschaft durch die sehr expansive Fiskalpolitik und die weiterhin sehr positive Stimmung der Wirtschaft gestützt. Der Preis, den die USA dafür zahlt, ist ein Budgetdefizit von über fünf Prozent und eine weiter steigende Staatsverschuldung. Etwas enttäuscht hat dagegen das Wachstum im Euroraum von, so wie im ersten Quartal, nur 1,5 Prozent real. Allerdings fehlt der Wirtschaft im Euroraum auch eine Unterstützung durch fiskalische Impulse bei einem durchschnittlichen Budgetdefizit von nur rund 1 Prozent des BIP.

Welchen Einfluss die politischen Unsicherheiten in Europa, etwa nach der Regierungsbildung in Italien, aber auch nach den politischen Unsicherheiten in Deutschland, dem bevorstehenden Brexit oder den zunehmenden Spannungen innerhalb der EU, auf die Stimmung der Wirtschaft haben, ist unklar. Nimmt man etwa die Konsumentenstimmung, die meist ein schlechter Indikator für das Konsumverhalten, aber ein guter Indikator für die grundsätzliche Zufriedenheit der Bevölkerung darstellt, so ist diese im Euroraum zwar auch zurückgegangen, liegt aber weiterhin - historisch gesehen - in den meisten Ländern auf sehr hohem Niveau. Dies gilt nicht nur für Deutschland oder Österreich, sondern auch für Länder wie Spanien und Italien.

An den Kapitalmärkten hat die politische Unsicherheit der letzten Woche zu einer stärkeren Nachfrage nach sogenannten „sicheren“ Vermögenswerten geführt, allen voran deutsche Bundesanleihen, was deren Rendite erneut zeitweise unter 0,3 Prozent fallen ließ, tiefer als zu Jahresbeginn. Dementsprechend sanken auch die mittel- bis langfristigen Zinserwartungen wieder deutlich, nicht zuletzt auch aufgrund veränderter Erwartungen über Zeitpunkt und Ausmaß möglicher Zinserhöhungen durch die EZB. Auch der Aktienmarkt blieb im Euroraum nicht von den Unsicherheiten verschont und musste einen Rückgang seit dem Jahresbeginn hinnehmen, während der US-Aktienmarkt seinen Höhenflug fortsetzte. Auch der Euro-Dollar-Kurs spiegelt diese Entwicklung, der Euro konnte seinen Anstieg nicht fortsetzen und liegt nun etwas unter dem Wert zu Jahresbeginn.

Welche Rolle die gesteigert aggressiven Ankündigungen des US-Präsidenten hinsichtlich seiner Handelspolitik auf die Stimmung der Weltwirtschaft hatte, ist schwer abzuschätzen. Aber am Ende stellt die Politik von Trump mittelfristig das größte Risiko für die Weltwirtschaft dar, untergräbt es doch zunehmend die Grundfesten des globalen Handels.

Für den weiteren Verlauf von 2018 erwarten wir, dass sich das Wachstum im Euroraum wieder etwas verstärkt und in etwa 2 Prozent betragen sollte. Ähnlich sind auch unserer Erwartungen für 2019. Dies sollte, sofern keine negativen politischen Überraschungen auftauchen, auch positiv auf die Kapitalmärkte wirken, d.h. die langfristigen Zinsen sollten wieder leicht steigen und auch der Euro sollte sich gegenüber dem US-Dollar befestigen. Die Realwirtschaft ist weiterhin in einem sehr guten Zustand und die Konsumenten im Euroraum sind weiterhin sehr positiv eingestellt, nicht zuletzt auch aufgrund der sinkenden Arbeitslosigkeit und leicht steigender Reallöhne.


 

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

Stand: 6. September 2018.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

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