Zinswende wird kommen, aber langsam!

Die Konjunktur läuft sehr gut, so wie wir es erwartet haben, vielleicht sogar etwas besser. Dies ist natürlich auch der Politik der Zentralbanken zu verdanken, die die Welt vor Chaos und Deflation bewahrt hat. Auch wenn die vergangenen Jahre daher für die Zentralbanken viel Stress bedeuteten - die Richtung der Politik war klar und abhängig von Mut und natürlich den institutionellen Rahmenbedingungen, die im Euroraum komplizierter waren und sind als in den USA -, landete man bei Nullzinsen und unkonventioneller Geldpolitik, allen voran mit enormen Anleiheaufkaufprogrammen. Nun muss man wieder aus dieser Politik aussteigen und dies ist aus zwei Gründen schwierig:

1. Dieser Aufschwung kommt ohne Inflation und man weiß nicht, ob dies strukturelle Gründe hat oder weil der Aufschwung noch zu schwach ist.
2. Man hat keine Erfahrung mit dem Ausstieg aus einer solchen ungewöhnlichen Politik.

Und dass der Euro sich derzeit in großen Schritten seinem wahren Wert nähert, macht es für die EZB auch nicht leichter; ein steigender Wert des Euro senkt nochmals die Inflation in den nächsten Jahren und dämpft auch ein wenig das Wachstum. Welche Vorstellung die EZB über den „wünschenswerten“ Eurokurs hat wissen wir nicht, das werden wir auch nicht erfahren, denn - komplizierter Euroraum - eigentlich ist sie für Wechselkurspolitik nicht zuständig.

Trotz dieser Schwierigkeiten bei der Findung des richtigen Weges aus der extrem expansiven Geldpolitik, erwarten wir demnächst zumindest erste Hinweise, wie die EZB plant, ihr Kaufprogramm nächstes Jahr zu beenden. Vielleicht hilft dies dann auch, die besonders pessimistische Sicht des Marktes zu ändern, denn noch immer liegen die Zinsen für Staatsanleihen extrem tief und sogar im negativen Bereich bis zur Laufzeit von fünf Jahren. Bestes Beispiel dafür ist die 100-jährige österreichische Staatsanleihe mit knapp über 2 Prozent Kupon. Dahinter stehen die Marktmeinung, dass es 100 Jahre keine positiven Realzinsen für sichere Anlagen geben wird, aber auch zu restriktive Vorschriften für Vermögensverwalter.

Aus heutiger Sicht und selbst unter der Annahme leicht steigender langfristiger Zinsen in den nächsten Monaten werden Österreichs Haushalte aufgrund der Tatsache, dass sie die Hälfte ihres Vermögens in Einlagen geparkt haben, heuer mehr als 4 Mrd. Euro real mit ihrem Geldvermögen verlieren. Wäre das Verhältnis Einlagen zu Wertpapieren umgekehrt, also die Hälfte in Wertpapieren - statt derzeit nur ein Viertel - und gleichzeitig der Anteil der Einlagen auf ein Viertel reduziert, könnten sie ihr Vermögen zumindest real erhalten. Fix verzinste kurzfristige Anlagen sind also nicht gut für das Portfolio, aber noch schlechter sind rein spekulative Dinge wie Bitcoin, die nicht nur, wenn überhaupt, eine schlechte Anlageklasse sind, sondern simple Spekulation noch jemanden zu finden, der sie einem wieder abkauft.


 

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

Stand: 25. September 2017.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

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