Alles neu macht der Mai?

Diesen Spruch könnte man tatsächlich heranziehen, betrachtet man die Situation in den beiden großen Wirtschaftsräumen der Welt, USA und Euroraum. Noch vor einigen Monaten war der Finanzmarkt voll des Lobes für Donald Trump, der so genannte „Trump Trade“ lief und im Wesentlichen war die Meinung: Trump werde das Regieren lernen bzw. wenn er gute Berater hat und die Machtverteilung in der US-Politik sorgen in jeden Fall für Ausgleich. Zwar werden die Programme für Steuersenkung und Infrastruktur etwas kleiner ausfallen, sie treffen aber auf eine bereits stark wachsende Wirtschaft. Daher sind die Aktienkurse gestiegen und der US Dollar hat gegenüber dem Euro um bis zu 6 Cent auf 1,04 an Wert gewinnen können, ein fast fünfzehnjähriges Hoch.

Zur gleichen Zeit stieg die Angst um Europa, besonders um den Euroraum. Die vielen Wahlen, allen voran die Wahl in Frankreich, machten die Finanzmärkte nervös und nicht viele erwarteten eine echte Bedrohung der Zukunft des Euroraums durch populistische Wahlgewinne. Dementsprechend kam es auch wieder zum Druck auf Staatsanleihen der sogenannten Peripherie, deutsche Staatsanleihen bewegten sich umgekehrt wieder fast auf eine Nullrendite im 10-Jahres-Bereich zu.

Heute, Ende Mai, hat sich das Bild deutlich verändert. Zunehmend begreift der Finanzmarkt wie schwierig und volatil die Präsidentschaft Trumps sein kann und immer öfter wird das Wort Impeachment (Amtsenthebung) genannt. Auf der anderen Seite des Atlantiks hat sich mit dem Sieg von Macron in Frankreich, aber auch dank sehr konstruktiver Wahlausgänge in den Niederlanden und in einigen deutschen Bundesländern, das Gefühl verstärkt, dass man auch mit einer positiven, auf EU und Euro bauenden Wahlbewegung, Mehrheiten gewinnen kann.

Zusammen mit positiven Konjunkturüberraschungen im Euroraum, mit 1,8 Prozent konnte der Euroraum im ersten Quartal mehr als doppelt so stark wachsen wie die USA, bewegte sich der Euro gegenüber dem US Dollar von seinem Tief von 1,04 auf zuletzt 1,12, dem höchsten Wert seit der Wahl von Donald Trump.

Natürlich ist die Wahl eines Pro-EU/Euro-Präsidenten in Frankreich alleine kein Garant, die vielen Herausforderungen der Politik - von Flüchtlingen, schwachem Wachstum, Verteilungsgerechtigkeit bis hin zu den schwachen Führungsstrukturen im Euroraum - zu lösen. Mit konstruktiven Politikern und konjunkturellem Rückenwind sind jedoch nächste Schritte zu erwarten.

Dies sollte auch bei den nun ausgerufenen, vorgezogenen Wahlen in Österreich helfen. Auch wenn der Wahlkampf wohl hart werden wird, zumindest derzeit scheint keine größere Partei in Österreich einen dezidierten Anti-EU- oder Anti-Euro-Wahlkampf führen zu wollen und damit dürften die Auswirkungen der Wahl in Österreich auf den Euroraum gering sein.

In diesem Umfeld und angesichts der Volatilität der US-Politik erwarten wir eine weitere Stärkung des Euro gegenüber vielen Währungen, allen voran dem US Dollar, in den nächsten Monaten. Natürlich würde jede Verschärfung der innenpolitischen Lage in den USA auch negative Folgen für die globalen Finanzmärkte haben, die Risiken eines abrupten Einbruchs der Wirtschaft sehen wir jedoch weder in den USA und schon gar nicht im Euroraum. Volatilität wird es weiter geben, das Wirtschaftswachstum sollte jedoch noch einige Quartale auf dem derzeitigen Niveau bleiben können.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

Stand: 22. Mai 2017.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

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