Die Weltwirtschaft zur Jahresmitte 2018 - wie geht es weiter?

Vergleicht man den Zustand der europäischen Wirtschaft im Sommer 2018 mit jenem zu Jahresbeginn so zeigen sich im Wesentlichen drei Entwicklungen. Erstens: Die Stimmung, vor allem in Europa, hat sich etwas stärker eingetrübt als erwartet, allerdings gibt es erste Anzeichen einer Stabilisierung. Zweitens: Die Zinstrendwende hat begonnen, auch wenn die EZB mit ihren Aussagen die Erwartungen über Tempo und Ausmaß zukünftiger Zinserhöhungen deutlich gedrückt hat. Und drittens schließlich: Die Befürchtungen einer weiteren Eskalation rund um das Thema Handelskonflikt mit den USA haben sich mehr als bestätigt. Die Eskalation ging schneller als erwartet und könnte viel weitreichender sein als selbst Pessimisten befürchteten.

Obwohl die protektionistischen Maßnahmen von Präsident Trump bisher wohl wenig tatsächlichen Schaden für das Wachstum im ersten Halbjahr angerichtet haben dürften und es auch Zeichen der Stabilisierung der Stimmungsindikatoren gab, die zuletzt angekündigte Ausweitung von Zollerhöhungen auf zum Beispiel Autos aus der EU oder bald den gesamten Chinaimport der USA haben die Risiken für die Weltwirtschaft deutlich erhöht.

Gleichzeitig wächst die USA jedoch äußerst dynamisch und befindet sich bald im zehnten Jahr ihres Aufschwunges und damit könnte dieser Aufschwung der längste in der modernen Geschichte der USA werden. Wesentlichen Antrieb erfährt die US-Wirtschaft durch die enormen fiskalischen Impulse der Steuerreform, die zu einer Ausweitung des Budgetdefizits der USA auf zwischen fünf und sechs Prozent des BIP 2018 bzw. 2019 führen werden. Damit hat die USA heuer das höchste Budgetdefizit aller Industrieländer der Welt, was nebenbei automatisch zu einer Ausweitung des von Präsident Trump so gehassten Leistungsbilanzdefizits führen wird. Trotzdem befindet sich die USA in der Spätphase ihres Konjunkturaufschwungs, was auch durch die rasch steigenden Leitzinsen bei gleichzeitig nicht weiter steigenden langfristigen Zinsen dokumentiert wird.

Im Euroraum haben die politischen Entwicklungen der letzten Wochen sicherlich auch nicht zu einer Verbesserung der Konjunkturstimmung nach dem enttäuschenden ersten Quartal beigetragen, allerdings hat sich diese Stimmung zu Sommerbeginn stabilisiert und lässt aus heutiger Sicht ein Wachstum um die 2 Prozent sowohl heuer als auch 2019 erwarten.

Nicht zuletzt auch aufgrund der zugenommenen politische Unsicherheiten, allen voran durch die protektionistischen Ankündigungen, aber vor allem aufgrund der weiterhin sehr verhalten Entwicklung von Kerninflation und Inflationserwartungen im Euroraum, hat die EZB der lange erwarteten Ankündigung des Endes des Anleiheaufkaufprogramms gleich eine deutlich dämpfende Komponente hinzugefügt. Zwar bestätigte die EZB, dass sie ab Jänner 2019 netto keine Anleihen mehr kaufen werde, gleichzeitig betonte sie jedoch auch, dass mit Leitzinserhöhungen frühestens nach dem Sommer 2019 zu rechnen sei, womit sich das Ende der negative Geldmarktzinsen wohl auf Ende 2019 Anfang 2020 verschieben dürfte. Zudem hat sie angekündigt, dass sie auslaufende Anleihen – die EZB wird zwar den Bestand an Anleihen, den sie besitzt, nicht weiter erhöhen, aber eben vorläufig auch nicht senken, d.h. sie kauft für jede getilgte Anleihe und für jeden bezahlten Kupon erneut Anleihen – durch Anleihen mit besonders langer Laufzeit ersetzen möchte. Damit drückt sie nicht nur die langfristigen Zinsen weiter nach unten, sie verlängert damit auch die expansive Wirkung ihres Programmes deutlich.

Noch sind die meisten Stimmungsindikatoren auf einem Niveau, das eine Fortsetzung des Aufschwunges zulässt, was auch für die Finanzmärkte unterstützend wirken sollte. Allerdings haben sich die Risiken zuletzt deutlich verstärkt und waren wir zu Jahresbeginn vielleicht etwas zu vorsichtig, so passt heute unsere vorsichtige, leicht unter dem Durchschnitt anderer Prognostiker liegende Erwartung für Österreichs und Europas Wirtschaftswachstum.

 

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

Stand: 2. Juli 2018.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

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