Geht der Konjunktur die Luft aus?

Aus heutiger Sicht lautet die Antwort: Nein. Was wir derzeit sehen ist einen Rückgang der Stimmungsindikatoren von den extrem hohen Werten am Jahresende 2017. In Europa hat die Konjunktur ab Ende 2016 deutlich an Tempo zugelegt und die Wachstumsraten stiegen erkennbar über 2 Prozent an. Davor war praktisch ausschließlich die Inlandsnachfrage im Euroraum für die Erholung der Konjunktur verantwortlich, der Außenhandel litt unter dem schwachen Welthandel und die Importe waren dynamischer als die Exporte.

Dies änderte sich Ende 2016 deutlich. Vor allem die Schwellenländer hatten sich von ihrem Schock nach dem starken Rückgang der Rohstoffpreise erholt und begannen wieder deutlich mehr zu importieren. Basierend auf der Beschleunigung des Welthandels erfuhr auch der Euroraum einen zusätzlichen Impuls 2017 und der Außenhandel trug in den letzten Quartalen wieder deutlich positiv zum Wachstum im Euroraum bei. Dies dürfte auch der Grund für den starken Anstieg der Stimmungsindikatoren auf teilweise Rekordwerte im zweiten Halbjahr 2017 gewesen sein.

Dieser Extraimpuls hat sich in den letzten Monaten deutlich abgeschwächt. Auch wenn die Importe der Schwellenländer noch stark zulegten, sank die Stimmung in den Schwellenländer und damit ihre Bereitschaft zu investieren. Der sich abschwächende Rohstoffpreisanstieg, aber auch die höheren Zinsen in den USA und wahrscheinlich auch die steigende Gefahr von Protektionismus und die damit verbundene Unsicherheit dürften dazu beigetragen haben.

Tatsache bleibt aber, dass die Binnenkonjunktur in Europa weiterhin stark ist, die Stimmung der Konsumenten ist ungebrochen hoch, vor allem dank sinkender Arbeitslosenquoten, steigender Beschäftigung sowie steigender Löhne. Damit sollte der Euroraum im Durchschnitt 2018 erneut ein sehr gutes Wirtschaftswachstum erreichen können, wir erwarten 2,3 Prozent. Dennoch ist die Situation heute deutlich anders als noch vor einem Jahr. War die Stimmung damals von positiven Überraschungen gestärkt worden, ist es jetzt genau umgekehrt. Überraschungen passieren derzeit eher auf der negativen Seite.

Auch die Rolle der USA ist heute eine ganz andere. Ausgehend von sehr pessimistischen Erwartungen nach der Wahl von Donald Trump setzte sich rasch die Meinung durch, Trump werde wenig von seinen Wahlkampfversprechungen umsetzen können mit Ausnahme der Steuerreform und ihrer positiven Wirkung auf die Wirtschaft. Dies beflügelte die Märkte. Heute zeigt sich, dass Trump doch sehr viel mehr Punkte seiner Agenda umsetzen möchte – und ihm dies auch teilweise gelingt. Die positiven wirtschaftlichen Impulse der Steuerreform sind längt eingepreist und die Märkte machen sich zunehmend Sorgen um die rasch steigende Staatsschuld in den USA. Die USA, noch immer am Höhepunkt einer der längsten Aufschwünge in ihrer Geschichte, werden heuer mit über 5 Prozent das höchste Budgetdefizit aller Industrieländer machen. Dementsprechend steigen die langfristigen Zinsen, wenn auch nicht so rasch wie die kurzfristigen Zinsen aufgrund der Fed Zinspolitik. Damit wird die Zinskurve in den USA wieder deutlich flacher, ein sehr verlässliches Zeichen einer bevorstehenden wirtschaftlichen Abkühlung.

Auch wenn manche Kommentare und manchmal auch die Reaktion der Märkte hinsichtlich der Gefahr eines Konjunktureinbruches übertrieben sind, die Risiken dafür, dass die wirtschaftliche Dynamik sich deutlicher abschwächt, haben sich erhöht. Umso wichtiger ist es, dass die Politik jede zusätzliche Verunsicherung vermeidet, was jedoch in den letzten Wochen nicht gelungen ist.

Derzeit gibt es keinen Grund unsere Prognose des Wirtschaftswachstums 2018 von 2,8 Prozent für Österreich bzw. 2,3 Prozent für den Euroraum zu ändern, da wir bereits seit längerem davon ausgegangen sind, dass sich die Konjunktur im Jahresverlauf abkühlen wird. Aber zu Jahresbeginn mussten wir Angst haben, dass wir zu pessimistisch sind, jetzt jedoch, dass wir vielleicht zu optimistisch sind. Die harten Konjunkturdaten und die Stimmungsindikatoren der nächsten Wochen werden uns zeigen, in welche Richtung die Reise geht.


 

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

Stand: 17. Mai 2018.

Stefan Bruckbauer, Chefökonom der UniCredit Bank Austria

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