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Die verlorenen Briefe

Es war einmal …

… ein großer Jutesack, der purzelte durch die Luft. Und auch der kleine Engel Michael machte Purzelbäume, kein Wunder, er trug den großen Sack ja auf seinem Rücken.

Und auch wenn es so aussah, als ob der große Sack mit dem kleinen Engel fliegen würde, so war es doch Michael, der hüpfte und tanzte.

Das war kein Wunder, denn es war das allererste Mal, dass der kleine Engel dem Christkind und den anderen Engeln helfen durfte, die Weihnachtswünsche der Kinder einzusammeln.

Der Sack war voll mit Briefen, kleinen und großen, dicken und dünnen, handgeschrieben und gedruckt, gezeichnet und bemalt, und alle fingen mit den Worten an: Liebes Christkind, ich wünsche mir …

Michael sauste über den Winterwald, er drehte sich um seine eigene Achse – und dann machte er sich, immer noch hüpfend, auf den Weg in den Himmel.

Dort angekommen flog er sofort zur Brief-Sortier-Anlage, um seinen Sack auszuleeren. Vor der Maschine lag schon ein großer Haufen Briefe, eigentlich war es ein ganzer Berg – ein riesiger Berg, um genau zu sein.

Als Michael den letzten Brief ausgeleert hatte, legte er seinen Sack sorgfältig zusammen, wie er es gelernt hatte. Doch was war das? Da war doch – Michael traute seinen Augen nicht –, da war doch glatt ein Loch im Sack! Ein ziemlich großes Loch sogar! Das musste passiert sein, als er so nah über dem Winterwald geflogen war, bei einer Umdrehung hatte er einen großen Baum gestreift, da musste der Sack gerissen sein.

Die Briefe! „Ob da wohl Briefe herausgefallen sind?“, dachte Michael und der Schreck fuhr ihm in die Flügel. Jetzt war guter Rat teuer. Was sollte er tun? Mit hängenden Schultern machte er sich auf den Weg zum Engel Gabriel, um ihm das Missgeschick zu beichten.

„Hm“, machte der Engel Gabriel, als er die Geschichte hörte. „Wir werden sehen …“ Und er schickte sofort eine Abordnung erfahrener Engel zur Erde, um die Briefe zu suchen – allein, die waren schon vom Wind verweht oder durch den Schnee zerfetzt – jedenfalls konnten die Engel keinen einzigen finden.

„Ich weiß ja nicht einmal, wie viele Briefe ich verloren habe und von welchen Kindern“, sagte Michael kleinlaut.

„Nun, jetzt müssen wir warten, bis alle Briefe sortiert sind“, sagte Gabriel. Michael meldete sich sofort für Sonderschichten an der Brief-Sortier-Anlage, aber der Berg an Briefen schien nicht kleiner zu werden. Und mit jeder Ladung neuer Briefe wurde Michaels Gesicht länger und seine Miene bekümmerter.

Schließlich, knapp vor dem Heiligen Abend, war es geschafft: alle Briefe waren sortiert, alle Geschenke gekauft. Und endlich wusste Michael, dass vier Briefe fehlten: von Kevin, Tina, Lisa und Kathrin, die alle in einer Straße wohnten.

Michael sauste los, diesen Kindern wollte er etwas besonders Schönes bringen. Er kannte zwar die Wünsche nicht, aber es sollte etwas Besonderes sein.

Aber ach, als er vor der Geschenkewerkstatt ankam, war die Türe fest verschlossen und alle Wichtel waren weg. Sie hatten schließlich in den vergangenen Wochen genug gearbeitet, jetzt waren sie in den wohlverdienten Weihnachtsurlaub gefahren. Michael war fast in Tränen aufgelöst. Das einzige, was er noch fand, ganz hinten im Archiv, waren altmodische Geschenke, die kein modernes Kind heute mehr wollte.

Michael blieb nichts anderes übrig, als Gabriel auch dieses Missgeschick zu gestehen. „Jetzt muss ich Rücksprache mit dem Christkind halten“, sagte Gabriel und Michael fuhr abermals der Schreck in die Glieder. Gabriel kehrte bald wieder mit dem Rat des Christkinds: „Wir sollen für diese Kindern die Geschenke einpacken, die keiner mehr will“, sage er.

Am Nachmittag des Christtages klingelte bei Kevin das Telefon. Es war sein bester Freund, Alex. „Ich habe eine ganz tolle Playstation bekommen und ein Handy und noch viel mehr, die neueste Technik, ganz toll. Meine Eltern sind den ganzen Tag fort, da habe ich gleich alles ausprobiert. Und was hast du bekommen?“

„Ich habe einen Baukasten bekommen“, sagte Kevin. „Einen ganz altmodischen. Und jetzt sitzt die ganze Familie schon seit Stunden am Boden und baut Häuser und Burgen und Autos und vieles mehr. Und weißt du, was das Tollste ist: Heute hätte mein Vater nach Moskau fliegen müssen, die ganzen Weihnachtsferien wäre er weg gewesen, aber in der Früh hat sein Chef angerufen, dass er zum ersten Mal seit vielen Jahren hier bleiben kann. Jetzt kann ich die ganzen Weihnachtsferien was mit ihm unternehmen.“

Zur gleichen Zeit klingelte es bei Lisa an der Wohnungstür. Es war Bettina, ihre Klassenkollegin. „Hallo Lisa“, sagte sie und dann, ganz erstaunt: „Du hast eine Katze? Ich denke, deine Mutter hat es verboten?“ Denn in Lisas Armen lag ein schwarzes Kätzchen mit einem weißen Fleck auf der rechten Pfote und schnurrte.

Lisa strahlte: „Weißt du Betty, gestern ist was Seltsames passiert. Ich habe vom Christkind einen ganz altmodischen Bauernhof bekommen. Und nur meiner Mutter zuliebe hab’ ich so getan, als ob ich mich freue. Ich hab alle Tiere aufgestellt und gespielt. Und meine Mutter war so begeistert, wie lieb ich mich um diese Tiere kümmere, dass sie mit mir heute Vormittag dieses Kätzchen vom Bauernhof geholt hat.“

Am Rückweg von Lisa traf Betty auf Tina. Die hatte eine dicke Jacke an und zog einen Schlitten hinter sich her. „Tina“, rief Betty, „was machst du im Schnee? Du bist doch sonst die ärgste Stubenhockerin!“ Tina lachte. „Ich habe vom Christkind eine neue Jacke bekommen, schau! Ganz modern, im Retro-Style, schaut direkt aus wie aus den 80ern. Und weißt du, was das Beste ist? Ich friere mit dieser Jacke nicht! Mit war noch nie so warm! Jetzt kann ich auch im Winter raus gehen, die Stubenhocker-Zeiten sind vorbei.“

Von alldem bekam Kathrin gar nichts mit: Sie saß in ihrem Zimmer und schrieb. Sie hatte sich vom Christkind eigentlich ein Notebook gewünscht und nur eine altmodische Füllfeder bekommen. Aber seit sie diese Füllfeder zum ersten Mal in der Hand gehalten hatte, war ihr Kopf voll mit Geschichten und Gedichten und sie war den ganzen Tag gesessen und hatte sie aufgeschrieben.

Der kleine Engel Michael saß auf einer Wolke und sah den Kindern zu. Da hörte er plötzlich ein feines Rauschen und das Christkind selbst setze sich zu ihm. „Nun Michael“, sagte es. „Bist du nun zufrieden?“

Michael schluckte und sah das Christkind vorsichtig von der Seite an. „Ich werde nie wieder einen Brief verlieren, ich verspreche es“, sagte er. „Wenn ich überhaupt nächstes Jahr wieder Briefe einsammeln darf …?“

Das Christkind lächelte. „Ich habe auch ein Geschenk für dich, Michael“, sagte es. „Ich schenke dir Vergebung.“ – „Du verzeihst mir?“, fragte Michael. „Das habe ich nicht gemeint“, sagte das Christkind. „Ich schenke dir, dass du dir selbst vergeben und dich lieben kannst.“

In diesem Moment war das Christkind verschwunden und Michael blieb allein auf der Wolke zurück. Und plötzlich durchfuhr ihn die Erinnerung an den hektischen Geschäftsmann, der er wohl einmal gewesen war und der immer gesagt hatte: „Wenn ich den Nächsten so lieben würde wie mich selbst – dann würde es meinem Nächsten wohl schlecht ergehen.“

Für einen kurzen Augenblick dachte er an die schneeglatte Autobahn, an den schweren schwarzen Wagen mit weit überhöhter Geschwindigkeit, an die Leitplanke, die immer näher kam …

Aber diese Gedanken waren sofort wieder verschwunden und überhaupt – das ist eine ganz andere Geschichte …